Montag, 2. September 2013

«Diese Trends sind für die Sozialhilfe alarmierend»

Sozialämter beobachten mit Sorge eine Verlagerung der Kosten von der IV zur Sozialhilfe.

Mit Felix Wolffers (Leiter des Sozialamtes der Stadt Bern) sprach Markus Brotschi, Bern

Die Invalidenversicherung (IV) verfolgt seit 2008 den Grundsatz «Eingliederung vor Rente». Mit der 5. IV-Revision erhielt sie neue Instrumente zur beruflichen Integration. Gleichzeitig wurde die Rentenpraxis verschärft, um die IV aus den roten Zahlen zu bringen. Allerdings mehren sich Berichte, wonach sich für IV-Rentner trotzdem kaum Stellen finden lassen (TA vom 17.8.). Gleichzeitig bestreitet die IV, dass die strengere Rentenpraxis gesundheitlich angeschlagene Menschen vermehrt in die Sozialhilfe führt. Genau dies beobachten aber Sozialämter: So verweist der Leiter des Sozialamts Bern darauf, dass immer mehr Behinderte in der Sozialhilfe hängen bleiben. Anzeichen für diese Entwicklung haben auch die Sozialdienste von Luzern, Basel-Stadt oder die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos).

Die IV hat von 2003 bis 2012 die Zahl der Neurenten fast halbiert. Ermöglicht hätten dies die neuen Eingliederungsmassnahmen. Stimmt das aus Sicht Ihres Sozialamtes?

Die Anzahl der Menschen mit einer Behinderung hat sich in dieser Zeit sicher nicht halbiert. Viele leiden nach wie vor an einer Behinderung. Sie erhalten aber keine Rente mehr und landen irgendwann bei der Sozialhilfe, wenn sie nicht ein grosses Vermögen haben oder von der Familie finanziell unterstützt werden. Weniger Renten bei der IV wären kein Problem, wenn auch Menschen mit einer Behinderung in der Wirtschaft eine Stelle finden würden. Dies ist aber nur in wenigen Fällen so. Leider erstellt die IV keine Statistik, die aufzeigt, wie oft Eingliederungsmassnahmen zum beruflichen Wiedereinstieg führen.

Haben Sie denn Belege dafür, dass die IV Menschen zur Sozialhilfe abschiebt?

Eine Zahl, die diese Tendenz aufzeigt, ist die Höhe der Rückerstattungen von bevorschussten IV-Leistungen. Während ein IV-Verfahren läuft, bezahlt die Sozialhilfe den Lebensunterhalt für jene, die über keine eigenen finanziellen Mittel verfügen. Spricht die IV dann eine Rente, erstattet sie der Sozialhilfe die Vorschüsse zurück. Diese Rückerstattungen haben sich beim Sozialamt der Stadt Bern von 2007 bis 2010 fast halbiert, von 6,6 auf 3,6 Millionen Franken. Das deutet klar auf eine abnehmende Zahl von IV-Renten hin und darauf, dass mehr Menschen von der Sozialhilfe unterstützt werden müssen. Weil die IV-Verfahren sehr oft jahrelang dauern, werden die Effekte der verschärften Rentenpraxis erst in einigen Jahren noch deutlicher sichtbar. Heute erkennen wir erst Trends, aber diese sind für die Sozialhilfe alarmierend.

Das massiv ausgebaute Instrumentarium der IV zur Wiedereingliederung wird doch nicht völlig erfolglos sein.

Der Ausbau dieser Massnahmen führt vor allem dazu, dass jemand trotz Behinderung seine bisherige Stelle behalten kann – das ist sehr erfreulich. Wer aber die Stelle verloren hat, profitiert kaum. Eine von der IV in Auftrag gegebene Studie kommt zum Schluss, dass die 5. IVRevision bei Stellenlosen keinen positiven Effekt hat. Der Prozentsatz erfolgreich in den Arbeitsmarkt vermittelter Personen hat sich trotz der vielen Integrationsmassnahmen nicht erhöht. Behinderte ohne Stelle finden oft nicht mehr aus der Sozialhilfe heraus: In der Wirtschaft finden sie wegen ihrer Behinderung keine Arbeit, eine IV-Rente erhalten sie aber nicht mehr. Deshalb verzeichnen wir in der Sozialhilfe immer mehr Langzeitfälle – eine Entwicklung, die alle Städte feststellen.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)bestreitet, dass IV-Rentner vermehrt bei der Sozialhilfe landen.

Das Bundesamt beruft sich auf sein eigenes Monitoring, das die Wechselwirkungen zwischen Sozialhilfe, IV und Arbeitslosenversicherung aufzeigen soll. Beim genauen Lesen der Studie zeigt sich, dass diese die These vom Abschieben bisheriger IV-Fälle in die Sozialhilfe bestätigt. Weil die IV-Verfahren meist sehr lange dauern, verarmen viele während dieser Zeit und müssen von der Sozialhilfe unterstützt werden. 2007 hat die Sozialhilfe 4600 Personen unterstützt, die später eine IV-Rente erhalten haben. 2011 erhielten nur noch 4000 Personen aus der Sozialhilfe eine IV-Rente. Das zeigt, dass die IV-Praxis sich deutlich verschärft hat und viele behinderte Personen in der Sozialhilfe verbleiben.

Warum funktioniert aus Ihrer Sicht die Integration schlecht?

Die Verschärfung der IV-Praxis betrifft vor allem Menschen mit Schmerzsymptomen und medizinisch nur schwer fassbaren psychosomatischen Krankheiten. Bei diesen Menschen sind Eingliederungsmassnahmen sehr aufwendig und kaum erfolgreich. Sie sind heute faktisch von der IV ausgeschlossen, und die Sozialhilfe muss ihre soziale Sicherung übernehmen. Es handelt sich dabei sehr oft um Menschen ohne Berufsabschluss, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich verringert. Die Sozialhilfe muss in diesen Fällen oft während Jahrzehnten Unterstützungsleistungen ausrichten.

Die IV will bis 2017 rund 17000 Renten annullieren, um die Sparvorgaben zu erreichen. Davon sind vor allem Schmerzpatienten betroffen. Rechnen Sie damit, dass auch diese bei der Sozialhilfe landen?

Wer nach jahrelanger Absenz vom Arbeitsmarkt die IV-Rente verliert, wird nur schwer wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wie sich die Aufhebung bestehender Renten mittelfristig auf die Sozialhilfe auswirkt, kann ich nicht voraussagen. Klar ist aber: Die IV verfolgt mit der Rentenüberprüfung ein grosses Sparziel. Wenn sie weniger Renten ausrichtet und es nicht gelingt, für die Betroffenen eine Stelle zu finden, muss am Schluss erneut die Sozialhilfe einspringen. Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass so Kosten auf die Kantone und Gemeinden abgewälzt werden, welche die Sozialhilfe finanzieren.

Erschienen im Tages-Anzeiger vom 31. August 2013

Samstag, 24. August 2013

Das Chaos in Kopf und Wohnung

MESSIE Von übermässiger Sammelwut bis zur Verwahrlosung reicht das Spektrum des Vermüllungssyndroms. Dem Chaos in der Wohnung steht ein Chaos im Kopf gegenüber. Wegwerfen fällt schwer, denn es steht für Trennungsängste und Aufgeben.

Gabriele Spiller «Wie innen, so aussen», sagte schon Paracelsus. Und in der Seele eines echten Messies sieht es meist konfus aus . Denn das unbändige Sammeln von Zeitschriften, die man noch lesen wird, oder von Kleidung, die irgendwann mal wieder passt, kann auf unverarbeitete Verletzungen hinweisen. Mit der Aufforderung, die unnützen Sachen endlich wegzuschmeissen, gerät der «Ratgeber» schnell in einen Streit. Der Versuch, selbst Ordnung im Haus zu schaffen, löst Panik und Abwehr aus . Der Psychiater Peter Dettmering dokumentierte bereits in den 1960er Jahr en seine Beobachtungen in Haushalten, in die er von der Fürsorge gerufen wurde , wenn eine Wohnsituation eskalierte. Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, teilweise offensichtlich verwirrt, andere anscheinend psychisch gesund, lebten in völlig zugemüllten Behausungen. Manche besassen ihre eigene Systematik, andere hatten den Überblick längst verloren. Einige litten an Zwangsstörungen, andere verwahrlosten aufgrund einer Alzheimer - Erkrankung. Doch bald stellte er fest: Es gibt einen Zusammenhang zwischen nicht erfolgter Trauer- und Trennungsarbeit und der Fähigkeit, Überflüssiges aussortieren zu können. Denn solange die Objekte sich noch im persönlichen Umfeld befinden, lebt der Betroffene in der Hoffnung, irgendwann aus eigener Kraft zu einer inneren und äusseren Ordnung zu gelangen.

Wohnung ist die Mutter

Neu ist das öffentliche Bekenntnis, ein Messie zu sein. Das englische «mess» steht für Unordnung oder Durcheinander. In Fernsehsendungen und Selbsthilfegruppen geben sich nun Betroffene zu erkennen. Sie suchen Verständnis und Anerkennung ihres Leidens und entlasten sich somit psychisch. Einen Gesinnungswandel hat das jedoch nicht automatisch zur Folge. Denn die Ursachen sind in der Regel im frühesten Kindesalter zu suchen. Spätere traumatische Erlebnisse , wie Todesfälle und Scheidungen, können das bisherige Lebenskonstrukt zum Kippen bringen. Nicht wenige Psychologen kritisier en den verniedlichenden Begriff Messie . Hinter den meisten Fällen stecke eigentlich eine depressive Erkrankung. Dettmering vergleicht die Beziehung eines Menschen zu seiner Wohnung mit der zur (frühen) Mutter, die für die Ausscheidungen des Babys verantwortlich war. Der vermüllte Patient hat die Entsorgungsfunktion nicht in die eigene Regie übernommen, argumentiert der Psychiater – oder sie ist ihm wieder entglitten.

Ständig verspätet

Der Strukturmangel im eigenen Leben kann sich aber auch in chronischer Unpünktlichkeit manifestieren. Zeit-Messies vergessen Termine, bürden sich zu viel Arbeit auf – dabei möchten sie doch möglichst alles perfekt machen. Um ihren Fehler zu kompensieren, bleiben sie dafür länger oder nehmen noch eine weitere Aufgabe an. Wissenschaftler sehen im Messietum auch ein gesellschaftliches Phänomen. Wie bei der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADS gehen sie davon aus, dass die Betroffenen aus der Reizüberflutung nicht die relevanten Informationen filtern können und überfordert sind. Auch hier werden Entwicklungsstörungen und Existenzängste aus der Kindheit als mögliche Ursache angeführt.

Scham und Hilferuf

Im Alltag sind Menschen mit Vermüllungssyndrom durchaus ins Berufsleben integriert und pflegen soziale Kontakte . Nur die Wohnung ist Tabuzone . Wird man überraschenderweise hineingebeten, kann das als Hilferuf verstanden werden, der aber auch überfordern kann. Ein zugemüllter Haushalt ist das Ergebnis einer länger en Entwicklung und komplexer Zusammenhänge. Sie schreien nach professioneller Hilfe . Nur mit dem (schmerzhaften) Ausmisten ist es nicht getan. Sonst haben sich die Räume nach kürzester Zeit wieder angefüllt und kehren den inneren Müll nach aussen.

Hier gibt es Hilfe

Der Verlag Dietmar Klotz hat mehrere Titel zum Thema im Programm: «Das Vermüllungssyndrom» von Dettmering und Pastenaci ist eine ältere, wegweisende wissenschaftliche Abhandlung. Barbara Lath, eine Einsatzleiterin der Caritas, publizierte dort für professionelle Helfer den «Leitfaden für den Umgang mit Chaoswohnungen» . Mit dem «Messie-Handbuch» bietet Eva S. Roth eine selbstkritische, augenzwinkernde Gebrauchsanweisung für Betroffene, die methodisch jedoch an der Oberfläche bleibt. Im Klett-Cotta Verlag ist in der Reihe «Leben Lernen» mit «Messies – Sucht und Zwang» von Rainer Rehberger ein fundiertes Werk über die Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung erschienen. Es empfiehlt sich Beratern und psychologisch Interessierten mit Grundkenntnissen. In Zürich vermittelt das Selbsthilfezentrum der Stiftung Pro Offene Türen der Schweiz Selbsthilfegruppen in der Region. Das Beratungstelefon ist unter der Woche von 10 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr besetzt (ausser Freitagnachmit- tag): Telefon 043 288 88 88. Weitere Informationen gibt es unter www.selbsthilfecenter.ch.

Erschienen im Glattaler vom Freitag, 23. August 2013

Freitag, 16. August 2013

Fehlende Hilfe für arbeitswillige IV-Bezüger (Quelle: Anzeiger von Uster)

Die Suche nach Arbeit in der freien Wirtschaft ist schwierig. Für sozial Schwächere ganz besonders.

Nach langer Suche und zahlreichen Bewerbungen für eine Stelle als Schreinerpraktiker in der ersten Arbeitswelt gestand sich unser Sohn ein, dass es praktisch unmöglich ist, auf diesem Weg eine geeignete Stelle zu finden. Mit dem Stempel der IV auf der Stirn würde das nichts werden mit einem selbständigen Leben.

Papierkrieg

Er ist zwar nicht arbeitslos, sondern er arbeitet in einer geschützten Werkstatt, was ihm grundsätzlich gefällt. Aber er sucht eine Chance, um weiterzukommen. Motiviert und pünktlich wandte er sich vertrauensvoll an das RAV Wetzikon, wie ihm vom IIZ Netzwerk Zürich empfohlen worden war. Das IIZ ist zuständig für die Integration und Wiedereingliederung von Arbeitssuchenden.

Ich begleitete meinen Sohn zum RAV und war gespannt, welche Möglichkeiten uns geboten würden. Am Schalter angekommen, wurden alle Dokumente verlangt. Auf die Frage, wo denn die Kündigung der letzten Stelle sei, erklärten wir die Sachlage: von der Arbeit im geschützten Rahmen, von der gesuchten Stelle im ersten Arbeitsmarkt und davon, dass wir auf Empfehlung des IIZ gekommen seien.

Ab diesem Punkt wurde es bürokratisch. Formular hier, Kopien da, von Schalter zu Schalter. Mein Sohn erhielt dann endlich einen Beratungstermin für den Freitag der gleichen Woche.

Nicht arbeitslos - keine Hilfe

In freudiger Erwartung nahm er diesen Termin dann wahr. Er wurde bitter enttäuscht! Das Gespräch dauerte gerade mal drei Minuten. "Guten Tag, leider können wir Ihnen nicht helfen, denn Sie sind nicht arbeitslos, und somit gehören Sie nicht in unsere Kartei!

Ich sehe Sie nicht in der freien Wirtschaft, bleiben Sie betreut und erhalten IV! Auf Wiedersehen. Brief und Stemple werden Sie in separater Post erhalten."

Wir kämpfen weiter und sind überzeugt, dass unser Sohn eine Chance in der ersten Arbeitswelt erhalten wird. Früher oder später!

Ivo Bachmann, Dürnten (Veröffentlicht als Leserbrief im Anzeiger von Uster vom Mittwoch, 14. August 2013)

Dienstag, 2. Juli 2013

Dickere Wände sind ein Fortschritt, aber keine Selbstbestimmung

Im äussersten Norden der Stadt Bern bildet die Aare eine riesige, verschlungene Schlaufe. Das Quartier, das sie dabei fast umschliesst, heisst Felsenau. Hier in Felsenau, auf einem Hügel am Waldrand gelegen, befindet sich die Stiftung Rossfeld. Sie betreibt unter anderem ein Schulheim, eine eigene KV-Berufsschule mit Internat, ein Wohnheim für Erwachsene und ein Bürozentrum mit geschützten Arbeitsplätzen. Im Prinzip deckt diese riesige Einrichtung fast alle Lebensbereiche ab, sodass man theoretisch die 60-jährige Zeitspanne vom Kindergarten bis zur Pensionierung dort verbringen könnte, ohne gross mit der Aussenwelt in Kontakt zu kommen. Das kann man praktisch finden. Mich lässt diese Vorstellung zusammenzucken.

Fällt da schwarzer Schnee vom Himmel?

Umso überraschter war ich, als ich von einem Workshop des Rossfeldes mit dem Titel "Stiftung Rossfeld baut für die Zukunft - selbständiges Wohnen mit Service in nächster Nähe / Einzigartiges, visionäres Projekt in der Region" erfuhr.

Nun muss man dazu sagen, dass heute viele behinderte Personen ohne oder mit geringem Pflegebedarf trotzdem im Heim leben müssen, weil es einfach nicht genug barrierefreie, bezahlbare Wohnungen gibt. Die Heime profitieren faktisch von diesem Notstand, da ein kaum pflegebedürftiger Heimbewohner viel rentabler ist, als jemand, der tatsächlich auf die Heiminfrastruktur angewiesen wäre. Für diese "teuren" Personen mit hohem Pflegebedarf ist dann dafür kein Platz mehr da. Ihre Notsituation wird dann wiederum dafür benutzt, Politiker für den Ausbau der Heimangebote zu gewinnen - die dann natürlich auch wieder zu einem grossen Teil von Leuten in Anspruch genommen werden, denen man mit Massnahmen, die den Wohnungsmarkt entspannen, viel besser und kostengünstiger helfen könnte.

Wenn ein Heim normale Wohnungen für behinderte Personen anbietet, konkurrenziert es damit also indirekt sein eigentliches Kerngeschäft. Deshalb schien mir ein solches Projekt gerade für eine so allumfassende Institution wie das Rossfeld absolut erstaunlich und ich wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, an diesem Workshop teilzunehmen.

Ein Workshop oder eine Werbeveranstaltung?

Der Workshop fand in einer Turnhalle statt. Es gab einige Tischinseln, an denen Heimbewohner, Ehemalige und jeweils ein Mitglied der Baukommission sassen. weiter vorne gab es dann eine Leinwand mit Rednerpult. Dort wurde das Projekt von Heimdirektorin Edith Bieri vorgestellt. Anschliessend wurde einige Minuten an den Tischen diskutiert und das jeweilige Mitglied der Baukommission fasste dann die Ergebnisse seines Tisches für die Halle zusammen.

Wie sich herausstellte, war die Projektphase eigentlich bereits abgeschlossen. Man wollte ein nicht mehr benötigtes Mitarbeitergebäude direkt vor dem Hauptgebäude abreissen und dort einen Wohnkomplex mit Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen hochziehen. Die Pläne für diesen Komplex lagen bereits auf dem Tisch und es gab sogar schon 3D-Modelle. Der Spielraum für Änderungswünsche war zu diesem Zeitpunkt also bereits sehr begrenzt.

Zu den "innovativen" Punkten des Projektes:
  1. Der wohl wichtigste Punkt: Mieter dieser Wohnungen sollen selber entscheiden können, ob sie die Dienste der Stiftung (Pflege, Therapien etc.) in Anspruch nehmen wollen oder nicht.
  2. Die Einzimmerwohnungen sollen mit 25 Quadratmetern (Zweizimmerwohnungen: 50 Quadratmeter, Dreizimmerwohnungen: 75 Quadratmeter) etwas grösser werden, als die Heimzimmer.
  3. Jede Wohnung soll eine eigene Kochecke und ein Badzimmer bekommen.
  4. Die Wände sollen dicker und damit weniger schalldurchlässig sein.
Zu Punkt eins möchte ich nochmal daran erinnern, dass das Rossfeld auf einem Hügel im äussersten Norden der Stadt liegt und sich die nächste öV-Haltestelle über einen halben Kilometer weit weg befindet. Ein zukünftiger Mieter wäre also auf jeden Fall auf den öV angewiesen und darauf, dass er den Höhenunterschied zwischen Haltestelle und Wohnkomplex auch bei Glatteis überwinden kann. Wie mir eine ehemalige Bewohnerin erklärte, sei das mit einem guten Elektrorollstuhl oder einem Swisstrac durchaus zu schaffen, aber mit einem Handrolli oder zu Fuss könne man es vergessen. Da sich das Rossfeld mehrheitlich an eine gehbehinderte Zielgruppe richtet, dürften also die meisten zukünftigen Bewohner durch die Umstände praktisch dazu gezwungen sein so weit wie möglich auf die Rossfeld-Dienste zurückzugreifen. Die grössere Unabhängigkeit und Selbstbestimmung - Kernargumente des Projektes - sind also reine Theorie. Die ungeeignete Lage sichert dem Rossfeld auch weiterhin ein faktisches Monopol.

Kurz und gut: Was uns Frau Bieri da präsentierte, war ein etwas "artgerechteres" Heim. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Viel Kritik und ein konstruktiver Vorschlag

Ich erklärte einem der Architekten, der die Baukommission an unserem Tisch vertrat, meine Bedenken und den Hintergrund mit der Wohnungsnot der Gehbehinderten. Das schien ihn nicht besonders zu interessieren, was durchaus verständlich ist. Wenn eigentlich schon alle Entscheidungen getroffen wurden, möchte man sein Projekt nicht komplett über den Haufen werfen und wieder bei null anfangen. Dementsprechend verschwieg er dann auch meinen Beitrag, als er die Diskussion am Tisch für die Halle zusammenfasste.

Zu meinem Erstaunen kam dann aber von allen anderen Tischen sehr viel Kritik am Projekt, unter anderem an der Nähe zum Heim, den fehlenden Balkonen und der Höhe des Mietzinses. Der letzte Tisch regte schliesslich an, dass man doch das Landstück mit dem alten Mitarbeitergebäude veräussern solle, um mit diesem Geld zentraler gelegenes Land kaufen und dort etwas bauen zu können.

Obwohl man deutlich spüren konnte, dass die Veranstaltung nicht so abgelaufen war, wie man sich das von Seiten der Verantwortlichen erhofft hatte, reagierte Frau Bieri recht diplomatisch auf die diversen Einwände. Ich witterte meine Chance und meldete mich direkt - was ja eigentlich nicht vorgesehen gewesen wäre. So erklärte ich dann in einer Turnhalle voller Heimbewohner kurz das Assistenzmodell und warum dennoch viele Menschen unnötigerweise ins Heim ziehen müssen. Ich lobte die Idee des letzten Tisches, führte etwas näher aus, wie man sie ausgestalten könnte und schloss mit dem Hinweis darauf, dass Bern mit seinem barrierefreien öV ja ein toller Wohnort für behinderte Menschen sei und somit ein idealer Standort für ein solches "Pionierprojekt" wäre. "Ja, Sie haben sich offensichtlich näher mit dem Thema auseinandergesetzt.", war die Antwort der Heimdirektorin. Dann war die Diskussion beendet und es gab Sandwiches.

Fazit

Trotz aller Kritik muss man anerkennen, dass die Rossfeldleitung sich bei der Planung des Wohnkomplexes ein paar Gedanken gemacht hat, die im Ansatz absolut richtig sind und den Bedürfnissen der Bewohner entgegenkommen. Man hätte einfach noch viel weitergehen und sich von gewohnten Denkmustern distanzieren müssen. Auch die Tatsache, dass in der Baukommission neben den Architekten und Mitgliedern der Heimführung immerhin ein Betroffener dabei war, ist ein Pluspunkt. Und auch wenn man den Workshop erst nach der eigentlichen Planung veranstaltete, was ihn eher zu einer Werbeveranstaltung für potentielle Mieter machte, ist es für diese Art von Einrichtung doch immer noch ungewöhnlich, Betroffene überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Immerhin hat die Rossfeldführung dadurch zur Kenntnis nehmen müssen, dass das, was sie für richtig halten, nicht unbedingt das ist, was ihre Zielgruppe möchte. Womöglich führt das ja langfristig zu einem Umdenken in der Stiftungsführung.

Dass man den Vorschlag mit dem Landabtausch tatsächlich umsetzt, halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Aber wer weiss: Wunder sollen ja hin und wieder passieren. Irgendwann kommt womöglich ein privater Investor auf die Idee, kleine Wohnungen zum maximalen EL-Beitrag an IV-Rentner zu vermieten, womit sich ja gutes Geld machen liesse. So gesehen wäre es aus Sicht der Heime dann doch klüger, diesen Markt selber zu bearbeiten, damit man diese kostengünstigen Bewohner nicht ganz verliert.

Montag, 10. Juni 2013

Zentrum für Selbstbestimmtes Leben: "Wir sind toll"

Im aktuellen Jahresbericht spart ZSL-Geschäftsführer Peter Wehrli nicht mit Eigenlob: Die meisten Ziele seien grundsätzlich erreicht, die "Revolution" habe man gewonnen. Es gehe nur noch um die Feinarbeit, für die es keine leidenschaftlichen Kämpfer, sondern pragmatische Dienstleister brauche.

Mit keinem Wort erwähnt werden hingegen die Folgeschäden zweier verheerender IV-Revisionen und der nun schon seit 10 Jahren andauernden Hetzkampagne gegen vermeintliche IV-Betrüger: Die Stigmatisierung Behinderter (insbesondere der psychisch Behinderten und Schmerzpatienten) ist heute viel extremer als noch in den 90er Jahren. Pöbeleien und Übergriffe selbst gegenüber sichtbar eingeschränkten Menschen haben zugenommen.

Viele behinderte Menschen leben heute von der Sozialhilfe oder sind vermehrt auf Ergänzungsleistungen angewiesen, weil sie von der Invalidenversicherung als "integriert" abgestempelt werden, obwohl es für sie kaum Arbeitsplätze gibt. Und in diesem Augenblick läuft gerade eine Kampagne an, die darauf abzielt die Sozialhilfe, diesen letzten Faden an dem die Existenz so vieler behinderter Menschen nun hängt, auch noch zu kappen.

Und als sei das alles nicht schon schlimm genug, haben wir mit Kat Kankas Rückzug aus der Politik und dem Tod von Aiha Zemp in den letzten Jahren gleich zwei der engagiertesten und fähigsten Kämpferinnen für die Sache der behinderten Menschen verloren.

Aber anstatt die Bemühungen des in den letzten Jahren stark geschrumpften ZSL-Team's auf diese Probleme und die Rekrutierung einer neuen Generation politisch engagierter Aktivisten zu fokussieren, wartet Peter Wehrli wenige Jahre vor seiner Pensionierung mit einer nicht gerade subtilen Kampfansage an die Adresse der Pro Infirmis auf:

„Nach der einen sehr schlimmen Erfahrung meiner Familie mit diesem Verein würde ich eher zu EXIT gehen, als zu denen mit einer Bitte um Hilfe“

Etwas mehr Bodenständigkeit, Selbstreflektion und Sinn für die Entwicklungen ausserhalb des eigenen Umfeldes würden dem ZSL gut anstehen.


Siehe auch:

Jahresbericht 2012 - Nach der Revolution / Zentrum für Selbstbestimmtes Leben