Die Suche nach Arbeit in der freien Wirtschaft ist schwierig. Für sozial Schwächere ganz besonders.
Nach langer Suche und zahlreichen Bewerbungen für eine Stelle als Schreinerpraktiker in der ersten Arbeitswelt gestand sich unser Sohn ein, dass es praktisch unmöglich ist, auf diesem Weg eine geeignete Stelle zu finden. Mit dem Stempel der IV auf der Stirn würde das nichts werden mit einem selbständigen Leben.
Papierkrieg
Er ist zwar nicht arbeitslos, sondern er arbeitet in einer geschützten Werkstatt, was ihm grundsätzlich gefällt. Aber er sucht eine Chance, um weiterzukommen. Motiviert und pünktlich wandte er sich vertrauensvoll an das RAV Wetzikon, wie ihm vom IIZ Netzwerk Zürich empfohlen worden war. Das IIZ ist zuständig für die Integration und Wiedereingliederung von Arbeitssuchenden.
Ich begleitete meinen Sohn zum RAV und war gespannt, welche Möglichkeiten uns geboten würden. Am Schalter angekommen, wurden alle Dokumente verlangt. Auf die Frage, wo denn die Kündigung der letzten Stelle sei, erklärten wir die Sachlage: von der Arbeit im geschützten Rahmen, von der gesuchten Stelle im ersten Arbeitsmarkt und davon, dass wir auf Empfehlung des IIZ gekommen seien.
Ab diesem Punkt wurde es bürokratisch. Formular hier, Kopien da, von Schalter zu Schalter. Mein Sohn erhielt dann endlich einen Beratungstermin für den Freitag der gleichen Woche.
Nicht arbeitslos - keine Hilfe
In freudiger Erwartung nahm er diesen Termin dann wahr. Er wurde bitter enttäuscht! Das Gespräch dauerte gerade mal drei Minuten. "Guten Tag, leider können wir Ihnen nicht helfen, denn Sie sind nicht arbeitslos, und somit gehören Sie nicht in unsere Kartei!
Ich sehe Sie nicht in der freien Wirtschaft, bleiben Sie betreut und erhalten IV! Auf Wiedersehen. Brief und Stemple werden Sie in separater Post erhalten."
Wir kämpfen weiter und sind überzeugt, dass unser Sohn eine Chance in der ersten Arbeitswelt erhalten wird. Früher oder später!
Ivo Bachmann, Dürnten (Veröffentlicht als Leserbrief im Anzeiger von Uster vom Mittwoch, 14. August 2013)
Freitag, 16. August 2013
Dienstag, 2. Juli 2013
Dickere Wände sind ein Fortschritt, aber keine Selbstbestimmung
Im äussersten Norden der Stadt Bern bildet die Aare eine riesige, verschlungene Schlaufe. Das Quartier, das sie dabei fast umschliesst, heisst Felsenau. Hier in Felsenau, auf einem Hügel am Waldrand gelegen, befindet sich die Stiftung Rossfeld. Sie betreibt unter anderem ein Schulheim, eine eigene KV-Berufsschule mit Internat, ein Wohnheim für Erwachsene und ein Bürozentrum mit geschützten Arbeitsplätzen. Im Prinzip deckt diese riesige Einrichtung fast alle Lebensbereiche ab, sodass man theoretisch die 60-jährige Zeitspanne vom Kindergarten bis zur Pensionierung dort verbringen könnte, ohne gross mit der Aussenwelt in Kontakt zu kommen. Das kann man praktisch finden. Mich lässt diese Vorstellung zusammenzucken.
Fällt da schwarzer Schnee vom Himmel?
Umso überraschter war ich, als ich von einem Workshop des Rossfeldes mit dem Titel "Stiftung Rossfeld baut für die Zukunft - selbständiges Wohnen mit Service in nächster Nähe / Einzigartiges, visionäres Projekt in der Region" erfuhr.
Nun muss man dazu sagen, dass heute viele behinderte Personen ohne oder mit geringem Pflegebedarf trotzdem im Heim leben müssen, weil es einfach nicht genug barrierefreie, bezahlbare Wohnungen gibt. Die Heime profitieren faktisch von diesem Notstand, da ein kaum pflegebedürftiger Heimbewohner viel rentabler ist, als jemand, der tatsächlich auf die Heiminfrastruktur angewiesen wäre. Für diese "teuren" Personen mit hohem Pflegebedarf ist dann dafür kein Platz mehr da. Ihre Notsituation wird dann wiederum dafür benutzt, Politiker für den Ausbau der Heimangebote zu gewinnen - die dann natürlich auch wieder zu einem grossen Teil von Leuten in Anspruch genommen werden, denen man mit Massnahmen, die den Wohnungsmarkt entspannen, viel besser und kostengünstiger helfen könnte.
Wenn ein Heim normale Wohnungen für behinderte Personen anbietet, konkurrenziert es damit also indirekt sein eigentliches Kerngeschäft. Deshalb schien mir ein solches Projekt gerade für eine so allumfassende Institution wie das Rossfeld absolut erstaunlich und ich wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, an diesem Workshop teilzunehmen.
Ein Workshop oder eine Werbeveranstaltung?
Der Workshop fand in einer Turnhalle statt. Es gab einige Tischinseln, an denen Heimbewohner, Ehemalige und jeweils ein Mitglied der Baukommission sassen. weiter vorne gab es dann eine Leinwand mit Rednerpult. Dort wurde das Projekt von Heimdirektorin Edith Bieri vorgestellt. Anschliessend wurde einige Minuten an den Tischen diskutiert und das jeweilige Mitglied der Baukommission fasste dann die Ergebnisse seines Tisches für die Halle zusammen.
Wie sich herausstellte, war die Projektphase eigentlich bereits abgeschlossen. Man wollte ein nicht mehr benötigtes Mitarbeitergebäude direkt vor dem Hauptgebäude abreissen und dort einen Wohnkomplex mit Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen hochziehen. Die Pläne für diesen Komplex lagen bereits auf dem Tisch und es gab sogar schon 3D-Modelle. Der Spielraum für Änderungswünsche war zu diesem Zeitpunkt also bereits sehr begrenzt.
Zu den "innovativen" Punkten des Projektes:
Kurz und gut: Was uns Frau Bieri da präsentierte, war ein etwas "artgerechteres" Heim. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Viel Kritik und ein konstruktiver Vorschlag
Ich erklärte einem der Architekten, der die Baukommission an unserem Tisch vertrat, meine Bedenken und den Hintergrund mit der Wohnungsnot der Gehbehinderten. Das schien ihn nicht besonders zu interessieren, was durchaus verständlich ist. Wenn eigentlich schon alle Entscheidungen getroffen wurden, möchte man sein Projekt nicht komplett über den Haufen werfen und wieder bei null anfangen. Dementsprechend verschwieg er dann auch meinen Beitrag, als er die Diskussion am Tisch für die Halle zusammenfasste.
Zu meinem Erstaunen kam dann aber von allen anderen Tischen sehr viel Kritik am Projekt, unter anderem an der Nähe zum Heim, den fehlenden Balkonen und der Höhe des Mietzinses. Der letzte Tisch regte schliesslich an, dass man doch das Landstück mit dem alten Mitarbeitergebäude veräussern solle, um mit diesem Geld zentraler gelegenes Land kaufen und dort etwas bauen zu können.
Obwohl man deutlich spüren konnte, dass die Veranstaltung nicht so abgelaufen war, wie man sich das von Seiten der Verantwortlichen erhofft hatte, reagierte Frau Bieri recht diplomatisch auf die diversen Einwände. Ich witterte meine Chance und meldete mich direkt - was ja eigentlich nicht vorgesehen gewesen wäre. So erklärte ich dann in einer Turnhalle voller Heimbewohner kurz das Assistenzmodell und warum dennoch viele Menschen unnötigerweise ins Heim ziehen müssen. Ich lobte die Idee des letzten Tisches, führte etwas näher aus, wie man sie ausgestalten könnte und schloss mit dem Hinweis darauf, dass Bern mit seinem barrierefreien öV ja ein toller Wohnort für behinderte Menschen sei und somit ein idealer Standort für ein solches "Pionierprojekt" wäre. "Ja, Sie haben sich offensichtlich näher mit dem Thema auseinandergesetzt.", war die Antwort der Heimdirektorin. Dann war die Diskussion beendet und es gab Sandwiches.
Fazit
Trotz aller Kritik muss man anerkennen, dass die Rossfeldleitung sich bei der Planung des Wohnkomplexes ein paar Gedanken gemacht hat, die im Ansatz absolut richtig sind und den Bedürfnissen der Bewohner entgegenkommen. Man hätte einfach noch viel weitergehen und sich von gewohnten Denkmustern distanzieren müssen. Auch die Tatsache, dass in der Baukommission neben den Architekten und Mitgliedern der Heimführung immerhin ein Betroffener dabei war, ist ein Pluspunkt. Und auch wenn man den Workshop erst nach der eigentlichen Planung veranstaltete, was ihn eher zu einer Werbeveranstaltung für potentielle Mieter machte, ist es für diese Art von Einrichtung doch immer noch ungewöhnlich, Betroffene überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Immerhin hat die Rossfeldführung dadurch zur Kenntnis nehmen müssen, dass das, was sie für richtig halten, nicht unbedingt das ist, was ihre Zielgruppe möchte. Womöglich führt das ja langfristig zu einem Umdenken in der Stiftungsführung.
Dass man den Vorschlag mit dem Landabtausch tatsächlich umsetzt, halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Aber wer weiss: Wunder sollen ja hin und wieder passieren. Irgendwann kommt womöglich ein privater Investor auf die Idee, kleine Wohnungen zum maximalen EL-Beitrag an IV-Rentner zu vermieten, womit sich ja gutes Geld machen liesse. So gesehen wäre es aus Sicht der Heime dann doch klüger, diesen Markt selber zu bearbeiten, damit man diese kostengünstigen Bewohner nicht ganz verliert.
Fällt da schwarzer Schnee vom Himmel?
Umso überraschter war ich, als ich von einem Workshop des Rossfeldes mit dem Titel "Stiftung Rossfeld baut für die Zukunft - selbständiges Wohnen mit Service in nächster Nähe / Einzigartiges, visionäres Projekt in der Region" erfuhr.
Nun muss man dazu sagen, dass heute viele behinderte Personen ohne oder mit geringem Pflegebedarf trotzdem im Heim leben müssen, weil es einfach nicht genug barrierefreie, bezahlbare Wohnungen gibt. Die Heime profitieren faktisch von diesem Notstand, da ein kaum pflegebedürftiger Heimbewohner viel rentabler ist, als jemand, der tatsächlich auf die Heiminfrastruktur angewiesen wäre. Für diese "teuren" Personen mit hohem Pflegebedarf ist dann dafür kein Platz mehr da. Ihre Notsituation wird dann wiederum dafür benutzt, Politiker für den Ausbau der Heimangebote zu gewinnen - die dann natürlich auch wieder zu einem grossen Teil von Leuten in Anspruch genommen werden, denen man mit Massnahmen, die den Wohnungsmarkt entspannen, viel besser und kostengünstiger helfen könnte.
Wenn ein Heim normale Wohnungen für behinderte Personen anbietet, konkurrenziert es damit also indirekt sein eigentliches Kerngeschäft. Deshalb schien mir ein solches Projekt gerade für eine so allumfassende Institution wie das Rossfeld absolut erstaunlich und ich wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, an diesem Workshop teilzunehmen.
Ein Workshop oder eine Werbeveranstaltung?
Der Workshop fand in einer Turnhalle statt. Es gab einige Tischinseln, an denen Heimbewohner, Ehemalige und jeweils ein Mitglied der Baukommission sassen. weiter vorne gab es dann eine Leinwand mit Rednerpult. Dort wurde das Projekt von Heimdirektorin Edith Bieri vorgestellt. Anschliessend wurde einige Minuten an den Tischen diskutiert und das jeweilige Mitglied der Baukommission fasste dann die Ergebnisse seines Tisches für die Halle zusammen.
Wie sich herausstellte, war die Projektphase eigentlich bereits abgeschlossen. Man wollte ein nicht mehr benötigtes Mitarbeitergebäude direkt vor dem Hauptgebäude abreissen und dort einen Wohnkomplex mit Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen hochziehen. Die Pläne für diesen Komplex lagen bereits auf dem Tisch und es gab sogar schon 3D-Modelle. Der Spielraum für Änderungswünsche war zu diesem Zeitpunkt also bereits sehr begrenzt.
Zu den "innovativen" Punkten des Projektes:
- Der wohl wichtigste Punkt: Mieter dieser Wohnungen sollen selber entscheiden können, ob sie die Dienste der Stiftung (Pflege, Therapien etc.) in Anspruch nehmen wollen oder nicht.
- Die Einzimmerwohnungen sollen mit 25 Quadratmetern (Zweizimmerwohnungen: 50 Quadratmeter, Dreizimmerwohnungen: 75 Quadratmeter) etwas grösser werden, als die Heimzimmer.
- Jede Wohnung soll eine eigene Kochecke und ein Badzimmer bekommen.
- Die Wände sollen dicker und damit weniger schalldurchlässig sein.
Kurz und gut: Was uns Frau Bieri da präsentierte, war ein etwas "artgerechteres" Heim. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Viel Kritik und ein konstruktiver Vorschlag
Ich erklärte einem der Architekten, der die Baukommission an unserem Tisch vertrat, meine Bedenken und den Hintergrund mit der Wohnungsnot der Gehbehinderten. Das schien ihn nicht besonders zu interessieren, was durchaus verständlich ist. Wenn eigentlich schon alle Entscheidungen getroffen wurden, möchte man sein Projekt nicht komplett über den Haufen werfen und wieder bei null anfangen. Dementsprechend verschwieg er dann auch meinen Beitrag, als er die Diskussion am Tisch für die Halle zusammenfasste.
Zu meinem Erstaunen kam dann aber von allen anderen Tischen sehr viel Kritik am Projekt, unter anderem an der Nähe zum Heim, den fehlenden Balkonen und der Höhe des Mietzinses. Der letzte Tisch regte schliesslich an, dass man doch das Landstück mit dem alten Mitarbeitergebäude veräussern solle, um mit diesem Geld zentraler gelegenes Land kaufen und dort etwas bauen zu können.
Obwohl man deutlich spüren konnte, dass die Veranstaltung nicht so abgelaufen war, wie man sich das von Seiten der Verantwortlichen erhofft hatte, reagierte Frau Bieri recht diplomatisch auf die diversen Einwände. Ich witterte meine Chance und meldete mich direkt - was ja eigentlich nicht vorgesehen gewesen wäre. So erklärte ich dann in einer Turnhalle voller Heimbewohner kurz das Assistenzmodell und warum dennoch viele Menschen unnötigerweise ins Heim ziehen müssen. Ich lobte die Idee des letzten Tisches, führte etwas näher aus, wie man sie ausgestalten könnte und schloss mit dem Hinweis darauf, dass Bern mit seinem barrierefreien öV ja ein toller Wohnort für behinderte Menschen sei und somit ein idealer Standort für ein solches "Pionierprojekt" wäre. "Ja, Sie haben sich offensichtlich näher mit dem Thema auseinandergesetzt.", war die Antwort der Heimdirektorin. Dann war die Diskussion beendet und es gab Sandwiches.
Fazit
Trotz aller Kritik muss man anerkennen, dass die Rossfeldleitung sich bei der Planung des Wohnkomplexes ein paar Gedanken gemacht hat, die im Ansatz absolut richtig sind und den Bedürfnissen der Bewohner entgegenkommen. Man hätte einfach noch viel weitergehen und sich von gewohnten Denkmustern distanzieren müssen. Auch die Tatsache, dass in der Baukommission neben den Architekten und Mitgliedern der Heimführung immerhin ein Betroffener dabei war, ist ein Pluspunkt. Und auch wenn man den Workshop erst nach der eigentlichen Planung veranstaltete, was ihn eher zu einer Werbeveranstaltung für potentielle Mieter machte, ist es für diese Art von Einrichtung doch immer noch ungewöhnlich, Betroffene überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Immerhin hat die Rossfeldführung dadurch zur Kenntnis nehmen müssen, dass das, was sie für richtig halten, nicht unbedingt das ist, was ihre Zielgruppe möchte. Womöglich führt das ja langfristig zu einem Umdenken in der Stiftungsführung.
Dass man den Vorschlag mit dem Landabtausch tatsächlich umsetzt, halte ich allerdings für unwahrscheinlich. Aber wer weiss: Wunder sollen ja hin und wieder passieren. Irgendwann kommt womöglich ein privater Investor auf die Idee, kleine Wohnungen zum maximalen EL-Beitrag an IV-Rentner zu vermieten, womit sich ja gutes Geld machen liesse. So gesehen wäre es aus Sicht der Heime dann doch klüger, diesen Markt selber zu bearbeiten, damit man diese kostengünstigen Bewohner nicht ganz verliert.
Montag, 10. Juni 2013
Zentrum für Selbstbestimmtes Leben: "Wir sind toll"
Im aktuellen Jahresbericht spart ZSL-Geschäftsführer Peter Wehrli nicht mit Eigenlob: Die meisten Ziele seien grundsätzlich erreicht, die "Revolution" habe man gewonnen. Es gehe nur noch um die Feinarbeit, für die es keine leidenschaftlichen Kämpfer, sondern pragmatische Dienstleister brauche.
Mit keinem Wort erwähnt werden hingegen die Folgeschäden zweier verheerender IV-Revisionen und der nun schon seit 10 Jahren andauernden Hetzkampagne gegen vermeintliche IV-Betrüger: Die Stigmatisierung Behinderter (insbesondere der psychisch Behinderten und Schmerzpatienten) ist heute viel extremer als noch in den 90er Jahren. Pöbeleien und Übergriffe selbst gegenüber sichtbar eingeschränkten Menschen haben zugenommen.
Viele behinderte Menschen leben heute von der Sozialhilfe oder sind vermehrt auf Ergänzungsleistungen angewiesen, weil sie von der Invalidenversicherung als "integriert" abgestempelt werden, obwohl es für sie kaum Arbeitsplätze gibt. Und in diesem Augenblick läuft gerade eine Kampagne an, die darauf abzielt die Sozialhilfe, diesen letzten Faden an dem die Existenz so vieler behinderter Menschen nun hängt, auch noch zu kappen.
Und als sei das alles nicht schon schlimm genug, haben wir mit Kat Kankas Rückzug aus der Politik und dem Tod von Aiha Zemp in den letzten Jahren gleich zwei der engagiertesten und fähigsten Kämpferinnen für die Sache der behinderten Menschen verloren.
Aber anstatt die Bemühungen des in den letzten Jahren stark geschrumpften ZSL-Team's auf diese Probleme und die Rekrutierung einer neuen Generation politisch engagierter Aktivisten zu fokussieren, wartet Peter Wehrli wenige Jahre vor seiner Pensionierung mit einer nicht gerade subtilen Kampfansage an die Adresse der Pro Infirmis auf:
„Nach der einen sehr schlimmen Erfahrung meiner Familie mit diesem Verein würde ich eher zu EXIT gehen, als zu denen mit einer Bitte um Hilfe“
Etwas mehr Bodenständigkeit, Selbstreflektion und Sinn für die Entwicklungen ausserhalb des eigenen Umfeldes würden dem ZSL gut anstehen.
Siehe auch:
Jahresbericht 2012 - Nach der Revolution / Zentrum für Selbstbestimmtes Leben
Mit keinem Wort erwähnt werden hingegen die Folgeschäden zweier verheerender IV-Revisionen und der nun schon seit 10 Jahren andauernden Hetzkampagne gegen vermeintliche IV-Betrüger: Die Stigmatisierung Behinderter (insbesondere der psychisch Behinderten und Schmerzpatienten) ist heute viel extremer als noch in den 90er Jahren. Pöbeleien und Übergriffe selbst gegenüber sichtbar eingeschränkten Menschen haben zugenommen.
Viele behinderte Menschen leben heute von der Sozialhilfe oder sind vermehrt auf Ergänzungsleistungen angewiesen, weil sie von der Invalidenversicherung als "integriert" abgestempelt werden, obwohl es für sie kaum Arbeitsplätze gibt. Und in diesem Augenblick läuft gerade eine Kampagne an, die darauf abzielt die Sozialhilfe, diesen letzten Faden an dem die Existenz so vieler behinderter Menschen nun hängt, auch noch zu kappen.
Und als sei das alles nicht schon schlimm genug, haben wir mit Kat Kankas Rückzug aus der Politik und dem Tod von Aiha Zemp in den letzten Jahren gleich zwei der engagiertesten und fähigsten Kämpferinnen für die Sache der behinderten Menschen verloren.
Aber anstatt die Bemühungen des in den letzten Jahren stark geschrumpften ZSL-Team's auf diese Probleme und die Rekrutierung einer neuen Generation politisch engagierter Aktivisten zu fokussieren, wartet Peter Wehrli wenige Jahre vor seiner Pensionierung mit einer nicht gerade subtilen Kampfansage an die Adresse der Pro Infirmis auf:
„Nach der einen sehr schlimmen Erfahrung meiner Familie mit diesem Verein würde ich eher zu EXIT gehen, als zu denen mit einer Bitte um Hilfe“
Etwas mehr Bodenständigkeit, Selbstreflektion und Sinn für die Entwicklungen ausserhalb des eigenen Umfeldes würden dem ZSL gut anstehen.
Siehe auch:
Jahresbericht 2012 - Nach der Revolution / Zentrum für Selbstbestimmtes Leben
Donnerstag, 16. Mai 2013
Sterbehilfe - Designer-Babies - geklonte Embryonen
Diese Woche gab es gleich drei Schlagzeilen, die mich sehr beunruhigt haben:
"Strassburg will Gesetzesregelung zur Sterbehilfe"
"MicroSort-Geschlechtsauswahl steht in der Schweiz zur Verfügung"
"Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen"
Zweifellos gäben diese drei Schlagzeilen genügend Material für einen monumentalen Blog-Artikel mit einem finalen, flammenden Plädoyer für die Menschenwürde her. Keine Sorge, ich tue uns beiden einen Gefallen und erspare mir das Schreiben und Ihnen das Lesen dieses Artikels.
Stattdessen empfehle ich Ihnen zum Wochenende hin drei sehenswerte Filme zu diesen Themen, die meine Bedenken recht gut wiedergeben. - Nein, keine trockenen Dokumentarfilme, sondern kommerzielle Produktionen, die sowohl unterhaltsam, als auch sozialkritisch sind:
zum Thema Sterbehilfe: "Die Auflösung / Half a Life", 22. Episode der 4. Staffel von Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert
Zum Thema Designer-Babies: "Gattaca", Spielfilm mit Ethan Hawke, Uma Thurman und Jude Law
Zum Thema Klonen zu medizinischen Zwecken: "Die Insel / The Island", Spielfilm mit Scarlett Johansson, Ewan McGregor und Michael Clarke Duncan
Gute Unterhaltung!
"Strassburg will Gesetzesregelung zur Sterbehilfe"
"MicroSort-Geschlechtsauswahl steht in der Schweiz zur Verfügung"
"Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen"
Zweifellos gäben diese drei Schlagzeilen genügend Material für einen monumentalen Blog-Artikel mit einem finalen, flammenden Plädoyer für die Menschenwürde her. Keine Sorge, ich tue uns beiden einen Gefallen und erspare mir das Schreiben und Ihnen das Lesen dieses Artikels.
![]() |
| Filmposter von "Gattaca" |
Stattdessen empfehle ich Ihnen zum Wochenende hin drei sehenswerte Filme zu diesen Themen, die meine Bedenken recht gut wiedergeben. - Nein, keine trockenen Dokumentarfilme, sondern kommerzielle Produktionen, die sowohl unterhaltsam, als auch sozialkritisch sind:
zum Thema Sterbehilfe: "Die Auflösung / Half a Life", 22. Episode der 4. Staffel von Raumschiff Enterprise - Das nächste Jahrhundert
Zum Thema Designer-Babies: "Gattaca", Spielfilm mit Ethan Hawke, Uma Thurman und Jude Law
Zum Thema Klonen zu medizinischen Zwecken: "Die Insel / The Island", Spielfilm mit Scarlett Johansson, Ewan McGregor und Michael Clarke Duncan
Gute Unterhaltung!
Dienstag, 2. April 2013
Offener Brief zum #Weltautismustag 2013
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| Logo-Design: Fotobus |
Wir sind Menschen
Es begann im Dezember mit der Berichterstattung über den Amoklauf in Newtown, die dazu führte, dass viele Autisten laut wurden, um sich Gehör zu verschaffen. Seither taucht „Autismus“ oder „autistisch sein“ immer wieder in einem völlig falschen Kontext auf.
In letzter Zeit nimmt es überhand, dass Politiker, Journalisten und Wirtschaftsbosse den Begriff Autismus missbrauchen, ohne darüber nachzudenken, welches falsche Bild dadurch von Autismus geprägt wird. Leider taucht der Begriff „autistisch“ meist im negativen Kontext auf, was ein Bemühen vieler Menschen, Autismus in der Gesellschaft bekannter zu machen, zunichte macht.
Betroffenen Menschen werden auf Grund solch schlecht recherchierter, diskriminierender und unüberlegter Aussagen mehr Vorurteile entgegen gebracht und es werden ihnen Eigenschaften zugesprochen, die mit dem, was Autismus ist, nichts mehr gemein haben.
Autisten sind Menschen mit ein paar besonderen Eigenschaften, die für die Allgemeinheit eine Bereicherung darstellen können, sofern sich diese auf sie einlässt.
Autisten sind dabei so verschieden, wie Menschen eben verschieden sind. Sie haben unterschiedliche Stärken, Schwächen, Begabungen und Interessen. Sie haben Gefühle, lieben ihre Familien und ihre Freunde. Und sie möchten geachtet und respektiert sein wie jeder andere Mensch auch.
Autisten leiden in der Regel nicht an ihrem Autismus, sondern an der Intoleranz und der fehlenden Akzeptanz ihres Umfeldes. Ja, Autisten haben Gefühle, manchmal sogar intensiver als andere. Sie können sie nur oft nicht ausdrücken. Manche Autisten zeigen ihr Innenleben reduzierter als andere. Autisten fällt kognitive Empathie oft schwer, also das reine Lesen der Gefühle anderer anhand nonverbaler Signale. Wenn sie jedoch wissen, wie sich das Gegenüber fühlt, zum Beispiel, weil es klar formuliert wurde, ist emotionale Empathie, also das Mitfühlen, meist kein Problem.
Zusammen kann es den Eindruck erwecken, dass Autisten weniger empathisch seien oder nicht an ihren Mitmenschen interessiert. Aber das ist in den meisten Fällen so nicht richtig und es verletzt Autisten oft gleichermaßen wie Nicht-Autisten, von einer Gesellschaft ausgegrenzt zu werden.
Daher ist eine breite Aufklärung über Autismus wichtig. Dazu gehört, dass man über uns in der Presse gut recherchiert berichtet und die Begrifflichkeit korrekt anwendet.
Helfen Sie uns, über Autismus aufzuklären.
Unser Ziel ist es, dass wir miteinander reden statt übereinander.
Dass Psychiater, Psychologen, Kinderärzte, Therapeuten, Medienverantwortliche, Politiker und viele andere Menschen, die mit Autisten arbeiten oder über sie „urteilen“, sich einmal mit der Sichtweise der Autisten auseinandersetzen und davon profitieren.
Es wird Zeit, dass man endlich anfängt mit uns zu reden und nicht nur über uns.
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