Montag, 25. Oktober 2010

"Alles Kranke ist Last"

Die Kirchen und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, von Ernst Klee und Gunnar Petrich (ARD 1988)



1. Mai 1933 in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bei Bielefeld. Ganz alltägliche Bilder. Nicht nur in Bethel, auch in anderen Behinderten-Einrichtungen wird der "Tag der nationalen Arbeit" 1933 erstmals als Feiertag begangen.

"Alles Kranke ist Last..." - Die Kirchen und die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" / Ein Film von Ernst Klee und Gunnar Petrich

Pfingsten 1933: Evangelische Schüler des Bundes deutscher Bibelkreise treffen sich in Bielefeld. Ob jung, ob alt: Deutsche Protestanten begrüssen das Ende der Weimarer Republik. Nur wenige Wochen nach dem Machtwechsel reihen sich viele ein in die National-Sozialistische Bewegung. Die Marschkolonnen der evangelischen Schüler erreichen den Leiter der Betheler Anstalten, Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Auch er begrüsst die nationalen Ziele der Bewegung, vor allem den Kampf gegen Gottlosentum und Bolschewismus. Am Nachmittag besucht Bodelschwingh das Reichslager des Bundes deutscher Bibelkreise. Er ist zum ersten Evangelischen Reichsbischof gewählt, wird das Amt jedoch nicht antreten.

Das Luise-Henrietten-Stift in Lehnin in der Mark Brandenburg. Im Mai 1933 besichtigen Reichskanzler Hitler und Propagandaminister Goebbels die Kirche und das Säuglingsheim mit "schwachsinnigen" Kindern. Die Diakonissen grüssen mit Heilrufen und singen "Deutschland, Deutschland über alles". Hitler schreibt ins Gästebuch: "Es wird die Zeit kommen, die millionen Deutscher ersehnen." Goebbels notiert in seinem Tagebuch über die Diakonissen: "Die Leute sind toll vor Begeisterung."

Berlin, Neukölner Stadion. Aufnahmen von einem katholischen Jugendtreffen am 20. August 1933. Hatten die katholischen Bischöfe die National-Sozialisten zunächst geächtet, so bejahen sie inzwischen die neue Regierung. Die Bischöfe glauben, dass im Juli abgeschlossene Reichskonkordat schütze den Freiraum der Kirche. Sie sehen Hitler als Retter vor Bolschewismus und Gottlosentum. Der Berliner Generalvikar, Domprobst Dr. Paul Steinmann in seiner Ansprache am katholischen Jugendtreffen im Neukölner Stadion:

"Was wir alle ersehnt haben und erstrebt haben, ist Tatsache geworden. Wir haben ein Reich und einen Führer und diesem Führer folgen wir treu. Wir wissen dass derjenige, der an der Spitze steht, von Gott uns als Führer gesetzt ist."

Selbstvertretend für andere Aussagen deutscher Bischöfe sei der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning zitiert. Er erklärt am 15. September 1933 bei seiner Einführung als Preussischer Staatsrat:

"Die deutschen Bischöfe haben schon längst den neuen Staat bejaht. Wir dienen dem Staat in heisser Liebe und mit allen unseren Kräften."

Düsseldorf, Kaiserswerth. Das älteste von 108 Diakonissen-Mutterhäusern. Die Diakonissen feiern im Spätsommer 1933 das 100-jährige Bestehen. Die Schwestern werden von der NSDAP gelobt, dass sie die Partei schon vor dem Machtwechsel finanziell unterstützten. Das Diakonissen-Mutterhaus steht dem Gedankengut der National-Sozialisten nicht ferne, wie der Bericht der Anstaltsleitung über die 100-Jahr-Feier zeigt. Darin heisst es:

"Es kommt gar nicht darauf an, ob der Einzelne lebt. Es gibt keinen Einzigen der ein Recht hat auf Leben, Gut oder Blut, Schutz oder Schonung, wenn es die Gemeinschaft gilt, der wir unser Dasein verdanken."

Im Mitteilungsblatt von Kaiserswerth wird 1933 ein Loblied der Diakonisse Emma Obermeier vorgestellt, "die braunen Kolonnen":

"Die braunen Kolonnen marschieren durchs Land, zum Treuschwur erhoben die rechte Hand. Wir wollen nicht ruhen, nicht rasten mehr, bis wieder leuchtet die Deutsche Ehr'. Sieg Heil! Das Hakenkreuz-Banner weht stolz voran, Neu-Deutschland, wir bauen dich - Mann für Mann. Das undeutsche Wesen zur Türe hinaus, wir kehren mit eisernem Besen das Haus. Sieg Heil!"

1933 wird das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verkündet. Propaganda-Filme übelster Machart werben für die Unfruchtbarmachung angeblich Erbkranker. Unter das Gesetz fallen vor allem "Schwachsinnige", wozu auch politische Gegner gerechnet werden, psychisch Kranke, Epileptiker, Blinde und Taube, Menschen mit schweren Körperbehinderungen, sowie Alkoholiker.

Filmaufnahmen aus der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren im Allgäu. De Menschen sehen ganz anders aus, als die in den Propaganda-Filmen vorgeführten. Doch auch sie gehören zu dem Personenkreis, der zu sterilisieren ist. "Geisteskranke", wie man damals sagt, dürfen in diesen Jahren nicht auf den Schutz der Kirchen vertrauen. Auch Vertreter der Kirchen bezeichnen Kranke und Behinderte als minderwertig und als eine Gefahr für ihre Mitmenschen. So behauptet zum Beispiel 1934 das Jahrbuch der Caritaswissenschaft:

"Echter Caritasdienst muss Dienst der Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird."

Und in den Vorschlägen des Deutschen Caritasverbandes zur Neugestaltung des Deutschen Strafrechtes heisst es 1934:

„Es mag sein, dass man durch eine Sterilisation erreicht, dass die Fortpflanzung gewisser minderwertiger Erbstämme ausgeschaltet wird. Aber ebenso sicher ist, dass jeder Sterilisierte in seiner hemmungslosen und hemmungslos gemachten Geschlechtlichkeit eine Quelle ansteckender Krankheiten bilden kann und häufig bilden wird.“



Zu den Vertretern der Rassen-Ideologie gehört auch der Moral-Theologe Joseph Mayer, Assistent am Institut für Caritas-Wissenschaft in Freiburg. Er war 1927 Hauptschriftleiter der Zeitschrift „Caritas“ geworden und ist ein gefragter Redner auf Tagungen und Kongressen. Sein 1927 erschienenes Buch „Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker“ gehört zum Schlimmsten was über Kranke und Behinderte jemals geschrieben wurde. Zitate aus dem Werk:

„Die Geisteskranken, die moralisch Irren und andere Minderwertige haben so wenig ein Recht Kinder zu zeugen, als sie ein Recht habe Brand zu stiften.“

„Erblich belastete Geisteskranke befinden sich in ihrem Triebleben auf der Stufe der unvernünftigen Tiere.“

„Wenn darum ein Mensch der ganzen Gemeinschaft gefährlich ist und sie durch irgend ein Vergehen zu verderben droht, dann ist es löblich und heilsam ihn zu töten, damit das Gemeinwohl gerettet wird.“

Mayers Werk hat das Imprimatur, die bischöfliche Druckerlaubnis. Das Buch wird allgemein positiv aufgenommen. Die Vereinigung katholischer Seelsorger an Deutschen Heil- und Pflegeanstalten preist es als Standardwerk, als eine „Rüstkammer für kommende Zeiten“.

Treysa im Schwalm-Eder-Kreis: Hier befindet sich die bekannteste Hessische Behinderten-Einrichtung, die Anstalt Hephata. Der ungewöhnliche Name ist der Bibel entnommen. Als Jesus einem Taubstummen Ohren und Mund öffnete, sagte er: „Hephata“. Das heisst „Tu dich auf“. Im Mai 1931 treffen sich hier Anstaltsleiter der inneren Mission zu einer Evangelischen Fachkonferenz für Eugenik, die sich zwei Jahre später „Ausschuss für Rassen-Hygiene und Rassen-Pflege“ nennen wird. Die Anstaltsleiter reden weniger von der Heilung Behinderter, als von der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

Hans Harmsen, der Leiter des Referats „Gesundheitsfürsorge“ beim Zentralausschuss der inneren Mission. Er erklärt in Treysa: „Dem Staat geben wir das Recht, Menschen-Leben zu vernichten – Verbrecher und im Kriege – weshalb verwehren wir ihm das Recht zur Vernichtung der lästigsten Existenzen?“

Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er behauptet in Treysa, die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. Bodelschwingh wörtlich: „Ich würde den Mut haben, in Gehorsam gegen Gott, die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen.“

In diesem Raum stellen 1931 Evangelische Anstaltsleiter Forderungen auf, die das Hitler-Regime zwei Jahre später in die Praxis umsetzen wird. In der Treysaer Erklärung heisst es: „Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer Minderwertigkeit und Fürsorge-Bedürftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.“ Die Von-Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel. Das heisst übersetzt „Haus Gottes“. Die Einrichtung liegt grossflächig in einem Thal bei Bielefeld und bietet eute rund 6‘000 Mitarbeitern Arbeit und etwa 5‘000 Behinderten Unterkunft und Beschäftigung. Bethel ist die grösste und weltweit bekannteste Deutsche Behinderten-Einrichtung. Als 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verkündet wird, dem bis Kriegsende etwa 400‘000 angeblich erbkranke zum Opfer fallen, erwirbt die Anstalt die staatliche Zulassung, sterilisieren zu dürfen. Nicht nur in Bethel, in fast allen Heimen der inneren Mission werden die eigenen Bewohner aus Überzeugung unfruchtbar gemacht. Jedes fünfte Krankenhaus, dass zur Sterilisation zugelassen wird, ist in Evangelischer Trägerschaft. In ihrer Verblendung glauben protestantische Pastoren und Ärzte, Krankheit und Leid wegsterilisieren zu können. Die Von-Bodelschwinghschen Anstalten melden von den damals rund 3‘000 Bewohnern etwa 1‘700 zur Sterilisierung. Chef-Arzt Professor Werner Villinger:

„Wir haben in einem Fall eine Ausnahme gemacht. Ein österreichischer Junge aus Braunau, dem Geburtsort Hitlers.“

Der Betheler Chef-Arzt bringt es fertig, Kranke als „erbbiologisch minderwertige Elemente“ zu bezeichnen. Villinger wird Bethel 1939 verlassen und 1941 sogar als Euthanasie-Gutachter über Leben und Tod von Behinderten entscheiden.

Heil-Gymnastik in Bethel. Körperliche Gesundheit wird in diesen Jahren zum höchsten Gut. Berufsgruppen wie Mediziner, Juristen, Fürsorger, Pädagogen stellen sich fast geschlossen in den Dienst der Rassenpflege. Die kirchlichen Rassenpfleger folgen nur dem Zeitgeist, was sie allerdings nicht entschuldigt.

„Ein Wort an die erbkranken evangelischen Taubstummen“, heisst ein Aufruf des „Reichsverbandes der evangelischen Taubstummen-Seelsorger Deutschlands“. Darin heisst es:

„Die Obrigkeit hat befohlen: Wer erbkrank ist, soll in Zukunft keine Kinder mehr bekommen. Denn unser deutsches Vaterland braucht gesunde und tüchtige Menschen… Gehorche der Obrigkeit! Gehorche ihr auch, wenn es Dir schwer wird…“

Bilder aus dem Alltag Bethels. Angesichts solcher Menschen schreibt 1934 ein Betheler Arzt in der Zeitschrift „Beth El“: „Schaudernd können wir verfolgen, wie in wenigen Menschen-Altern, mit schicksalhafter Folgerichtigkeit, das Gesunde überwuchert sein wird vom Schwachen und Kranken, und der Mensch an die Wand gedrückt und vernichtet sein wird durch den Untermenschen.“

Während evangelische Einrichtungen wie Bethel die Sterilisation als „erbbiologische Wohltat“ preisen, gerät die katholische Kirche in Widerspruch zum Staat, da die „Encyclica Casti Connubii“ von 1930 die Sterilisation verbietet. Die Katholische Kirche leistet, als einzige gesellschaftlich bedeutsame Gruppe, grundsätzlich Widerstand.

Am 4. November 1936 begibt sich der Münchner Kardinal von Faulhaber zu Hitler auf den Obersalzberg. Hitler erregt sich, dass die Katholische Kirche gegen die Sterilisierung ist. Der Kardinal beruhigt. Man werde schon eine Übereinkunft finden. Faulhaber wörtlich:

„Von kirchlicher Seite, Herr Reichskanzler, wird dem Staat nicht verwehrt im Rahmen des Sittengesetzes in gerechter Notwehr, diese Schädlinge der Volksgemeinschaft fernzuhalten. In diesem Obersatz sind wir einig. Wir gehen aber auseinander in der Frage, wie sich der Staat gegen das Verderbnis der Rasse wehren kann.“

Die Heilanstalt Rottenmünster in Rottweil, Landkreis Freiburg. Hier wird deutlich was Faulhaber im Gespräch mit Hitler andeutete. Auch katholische Einrichtungen passen sich dem Zeitgeist an. Stolz berichtet die Anstalts-Leitung 1938:

„Die Beziehungen zu der Ortsgruppenleitung der NSDAP, den städtischen und staatlichen Behörden, insbesondere auch zum Gesundheits-Amt Rottweil, waren stets gut. Und mit dem Kaiser-Wilhelm-Forschungs-Institut München besteht seit vielen Jahren schon eine rege Verständigung zwecks erbbiologischer Ermittlungen.“

Dr. Josef Wrede, der ärztliche Leiter der katholischen Anstalt Rottenmünster. Er ist Beisitzer am „Erb-Gesundheits-Gericht“ Rottweil. Er macht mit, Menschen im Sinne der Rassen-Gesetzgebung zur Zwangs-Sterilisierung zu verurteilen.

Neuendettelsau im fränkischen Landkreis Ansbach. Sitz der Evangelisch-Lutherischen Diakonissen-Anstalten Neuendettelsau. Am Ort und in einigen benachbarten Anstalten leben etwa 2‘000 Behinderte. Nur wenige werden die Nazi-Herrschaft überleben, weil die Anstaltsleitung den Gehorsam gegenüber dem Staat höher stellt, als das Leben der Behinderten.

Der Psychiater Dr. Rudolph Boekh, Mitglied der NSDAP seit 1932. 10 Jahre lang Oberarzt in Bethel. Er wird 1936 auf Empfehlung Bodelschwinghs als ärztlicher Leiter nach Neuendettelsau geholt. Boekh ein Jahr später in einem Vortrag über die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“:

„Alles Kranke, das nicht wieder der Gesundung zugeführt werden kann, ist Last. Die Entscheidung über die Frage, ob ein Mensch vernichtet werden darf, steht allein dem Mann zu, der unter Berufung auf den Schöpfer, die Gewalt in seiner Hand hat, über Leben und Tod zu entscheiden. Das kann und darf allein der Führer.“

Boekh ist nur einer von vielen Medizinern, die erbarmungslos zwischen Nicht-Heilbaren und Heilbaren unterscheiden. Wer nicht zu heilen ist, ist zu vernichten. Der Neuendettelsauer Arzt meint, die schwerste „Idiotie“ und der völlige „groteske Zerfall der Persönlichkeit“ habe nichts mehr mit dem Ebenbild Gottes zu tun. Diese „Verzerrung des menschlichen Antlitzes“ sei nicht in falscher Barmherzigkeit zu erhalten, sondern dem Schöpfer zurück zu geben. Nach 1945 behaupteten die Kranken-Mörder, es seien lediglich „seelenlose Monster“, noch „unter der Tier-Stufe stehend“ von ihrem Dasein „erlöst worden“. Es habe sich um „Euthanasie“, also „Sterbehilfe“ gehandelt.

Die Film-Aufnahmen aus den 30er Jahren zeigen Behinderte, die nach den Massstäben der Vernichter angeblich lebensunwerten Lebens dem Schöpfer „zurück zu geben“, sprich, zu ermorden waren. Ob erwachsen, ob noch ein Kind: Jeder Einzelne auf diesen Bildern zählt zum Personen-Kreis der Menschen, die 1940/41 in den Gaskammern der Euthanasie-Anstalten ermordet werden sollten.



Rektor Hans Lauerer, der Leiter der Diakonissen-Anstalt Neuendettelsau. Er weiss, dass es vor Gott kein „lebensunwertes Leben“ gibt, schreibt aber 1939:

„Wir Lutheraner können nicht anders, als grundsätzlich bejahen zum Staat, zu unserem Staat stehen. Von diesem Standpunkt aus haben wir kein Recht es zu beanstanden, wenn der Staat die Tatsache minderwertigen Lebens konstatiert und dann auch handelt.“

Diese Haltung erlaubt es, dass 1941 aus den Neuendettelsauer Anstalten von 2‘137 Bewohnern 1‘911 abtransportiert werden. Manche schreien in ihrer Todesangst: „Wir kommen nicht wieder! Wir kommen nicht wieder!“ Keine Einrichtung hat mehr Behinderte den Mördern übergeben. In einer Niederschrift über die Verhandlungen mit der Regierung von Ober- und Mittelfranken betreffs „Verlegung unserer Pfleglinge“ heisst es 1941:

„Herr Rektor Lauerer betonte, dass wir uns einer Anordnung des Staates selbstverständlich fügen.“

Heimlich aufgenommene Fotos von Bussen der Reichs-Post, die Patienten in die Vergasungs-Anstalten abtransportieren. Anfangs sollen Patienten in froher Erwartung eines Ausflugs eingestiegen sein, doch die Morde sprechen sich schnell herum. Die Opfer reagieren unterschiedlich. Manche ergeben sich still in ihr Schicksal, andere flehen um ihr Leben, wehren sich verzweifelt, weinen, schreien und klammern sich in ihrer Todesangst an Ordensschwestern oder Pfleger, reissen ihnen fast die Kleider vom Leibe. Doch beide Kirchen verhandeln im Geheimen und schweigen öffentlich.

Scheuern an der Lahn. Eine Einrichtung der inneren Mission in Hessen-Nassau. Die „Heil-Erziehungs- und Pflegeanstalt Scheuern“ gehörte damals zu den ersten Anstalten, die sich den national-sozialistischen Machthabern geradezu anbiederten.

Karl Todt, Direktor dieser Einrichtung. Er hatte schon 1933 verkündet:

„Wie freudig begrüssten wir die rasse-pflegerischen Massnahmen unseres Führers, die der Auftakt sind, die Übel von den Wurzeln an zu bekämpfen. So stehen wir zum Dienst bereit, Handlanger zu sein am Bau des Reiches Gottes und am Bau des Neuen, des Dritten Reiches.“

Scheuern dient 1941 als sogenannte „Zwischen-Anstalt“. Hunderte von Patienten, die für die Gaskammer in Hadamar bestimmt sind, kommen zunächst nach Scheuern. Dort werden sie verwahrt, bis sie zum Gasmord abgeholt werden. Die Anstalt der inneren Mission hat den Mördern wissentlich zugearbeitet.

Nowawes, heuet Babelsberg, in Brandenburg. Ausschnitte aus einem 1925 gedrehten Film. Er zeigt die aufopferungsvolle Arbeit der Diakonissen des Oberlehn-Hauses und wirbt für die Förderung auch schwerst-behinderter Menschen. Das Oberlehn-Haus, eine Einrichtung der evangelischen Kirche, ist oft die letzte Hoffnung für Angehörige taubblinder und taubstummer Kinder, die anderswo zu einem trostlosen Leben verurteilt wären. Die Diakonissen leisten vorbildliche Arbeit mit Behinderten, um die sich sonst niemand kümmert. Und dennoch werden auch Diakonissen des Oberlehn-Hauses, Jahre später, in den Krankenmord verstrickt sein. Als Taubblinde, Taubstumme und die anderen Behinderten 1933 als Ballast-Existenzen verschriehen werden, kommt von beiden Kirchen kein einhelliger und lauter Protest. Und weil viel zu viele Kirchen-Männer Behinderte und Kranke selbst als minderwertig verleumdet hatten, können kirchliche Einrichtungen ihre Bewohner kaum schützen, als nach der Sterilisierung die Ermordung der angeblich Minderwertigen beginnt. Am Anfang steht der Rufmord. Es folgt der Mord.

Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg an der Saale. Auch hier arbeiten Diakonissen des Oberlehn-Hauses. In einem Teil der Anstalt werden 1940 Vergasungs-Anlagen installiert. Über diese Strasse rollen tagtäglich die Transport-Busse. Die Angst-Schreie der Opfer sind nicht zu überhören. Die Busse fahren in diese Baracke, dann werden die Tore geschlossen. Die Kranken müssen aussteigen. Anschliessend werden sie in diesen Gang geführt. Hier müssen sie sich entkleiden. Nackt werden sie einem Arzt vorgeführt. Er beschaut die Kranken, um eine glaubhafte Todes-Ursache zu erfinden. Danach sagt man ihnen, es gehe zum Duschen. Die gekachelte Wand der als Duschraum getarnten Gaskammer. Der Brause-Kopf ist eine Attrappe, dient zur Täuschung der Opfer. Die Gaskammer ist drei mal vier Meter klein. Bis zu 75 Menschen werden auf einmal hinein gepresst. Das Haus, in dem zwischen 1940 und 42 vielleicht 20‘000 Kranke und KZ-Häftlinge ermordet werden. Die Diakonissen des Oberlehn-Hauses sehen fast täglich die Busse, hören die Schreie der Opfer. Sie riechen den Gestank der verbrannten Leichen, der Tag ein, Tag aus, aus dme neu erbauten Krematorium dringt. Sie sind Augenzeugen des Verbrechens und tun weiterhin ihren Dienst. Von einem Protest ist nichts bekannt. Überhaupt, die evangelische Kirche wird bis 1945 niemals öffentlich Protest erheben.

Theophil Wurm, evangelischer Bischof der Württembergischen Landeskirche. Er versucht vergeblich mit schriftlichen Eingaben den Kranken-Mord in der Vergasungs-Anstalt Grafeneck aufzuhalten. Wurm schreibt im Juli 1940 dem Reichsminister des Innern:

„Ich wage kaum die Hoffnung auszusprechen, dass meine Stimme gehört wird. Wenn ich trotzdem diese Darlegungen gemacht habe, so tat ich es in erster Linie deshalb, weil die Angehörigen der betroffenen Volksgenossen von der Leitung einer Kirche einen solchen Schritt erwarten… Dixi et salvavi animam meam!“ Auf Deutsch: „Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet.“

Pastor Paul Braune, Vize-Präsident des Zentral-Ausschusses der inneren Mission. Er verfasst im Juli 1940 eine an Hitler gerichtete Denkschrift gegen den Kranken-Mord. Diese Denkschrift wird innerhalb der Kirche geheim gehalten. Braune kommt einige Wochen in Gestapo-Haft. Er klagte nach dem Krieg: „Die offizielle Kirche schwieg völlig.“

Ernst Wilm, Pfarrer der westfälischen Gemeinde Mennighüffen und nach dem Kriege Präses der westfälischen Landeskirche. Er ist der Einzige, der sich gegen den Massenmord äussert und deswegen 1942 ins KZ kommt. Als Wilm 1945 aus Dachau zurückkehrt, lautet sein Kommentar: „Wenn gesagt wird, ich hätte schweigen sollen, dann kann ich nur sagen: Die ganze Kirche hätte laut rufen müssen.“

Pastor Constantin Frick, Präsident des Zentral-Ausschusses der inneren Mission. Er ist im Herbst 1940 bereit, den Kranken-Mord zu tolerieren, sofern die Tötung auf die „zu keiner geistigen Regung und zu keiner menschlichen Gemeinschaft mehr fähigen Personen“ beschränkt werde.

Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Er wird nach dem Kriegs-Ende zum protestantischen Widerstands-Heiligen hochstilisiert. Doch Bodelschwingh sprach dem Staat nicht das Recht ab, Kranke töten zu dürfen. Er verhandelte im Stillen mit den Mord-Funktionären und mit bekannten Verwaltungs-Beamten, den Massen-Mord einzustellen oder auf die am schwersten behinderten zu begrenzen. So schreibt er zum Beispiel im August 1940 an Ministerial-Rat Ruppert im Reichs-Ministerium des Innern:

„Sicher wäre es das Beste, wenn die ganze Massnahme sofort und endgültig eingestellt würde. Kann man sich dazu nicht entschliessen, so muss ein geordnetes Verfahren festgelegt werden.“



Die Vergasungs-Anstalt Grafeneck. Im Herbst 1940 bittet das für Grafeneck zuständige Ordinariat Rottenburg den württembergischen Innenminister, in der Mord-Anstalt die Sterbe-Sakramente spenden zu dürfen. In diesem unscheinbaren Schuppen werden zwischen Januar und Dezember 1940 mehr als 10‘000 Menschen getötet und verbrannt.

Der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz. Hatten sich die Bischöfe 1933 mit Hitler arrangieren wollen, so sehen sie sich in zwischen längst der Verfolgung der Nazis ausgesetzt. Entsprechend vorsichtig schreibt Bertram im August 1940 der Reichs-Regierung, in der Bevölkerung gäbe es Gerüchte, wonach Geisteskranke getötet würden. Die Bischöfe bäten, diese Darlegungen „Wohlwollend aufzunehmen und, soweit erforderlich, dafür Sorge tragen zu wollen, dass die Gerüchte keinerlei Begründung in entsprechenden Tatsachen finden.“

Bischof Heinrich Wienken, Leiter des Kommissariats der fuldaer Bischofskonferenz. Er trifft sich im November 1940 mit Euthanasie-Funktionären und ist bereit, unter bestimmten Bedingungen, zum Beispiel eine Ausnahme-Regelung für kranke Priester, einer begrenzten Euthanasie zu zustimmen. Auch Wienken verhandelt, dass dem Todeskandidaten vor der Vergasung die Sterbe-Sakramente erteilt werden dürfen.

Grafeneck. Urnen mit der Asche Ermordeter. Einige Angehörige bekommen aus Versehen sogar zwei Urnen zugestellt. Da Katholiken zu dieser Zeit die Feuer-Bestattung verboten ist, geraten Angehörige in Gewissens-Nöte, wenn deshalb die christliche Beisetzung verweigert wird. Während im Deutschen Reich die Schornsteine der Vergasungs-Anstalten weiterhin sichtbar rauchen, schweigt die katholische Kirche 19 Monate lang. Fast 70‘000 Menschen sind schon ermordet. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, bricht am 3. August 1941 das Schweigen. In einer Predigt in der Lamberti-Kirche prangert er den Kranken-Mord an:

„Wenn einmal zugegeben wird, dass Menschen das Recht haben, unproduktive Menschen zu töten und wenn es jetzt zunächst auch nur arme, wehrlose Geistes-Kranke trifft, dann ist grundsätzlich der Mord an uns allen, wenn wir alt und altersschwach und damit unproduktiv werden, freigegeben.“

Geistig behinderte Heim-Bewohnerinnen der Diakonieanstalten Bad Kreuznach, kurz vor dem Abtransport in die pommersche Anstalt Meseritz-Obrawalde. Zuvor haben Schwestern und Behinderte einen Abschieds-Gottesdienst gefeiert, der unter dem Bibelwort stand: „Wahrlich, ich sage Euch: Wo Ihr den Vater etwas bitten werdet, so wird er’s Euch geben.“ Die Diakonissen bringen die Frauen, di auf dem Transport zum Teil von SS-Leuten bewacht werden, nach Meseritz. Schwester Armanda Rateitschak, selbst katholischen Glaubens, demonstriert im April 1945 vor einer Sowjetischen Kommission, wie sie Patientinnen mit Giftspritzen tötete. So unglaublich es klingt: Sie hat nach eigenen Angaben in zwei Jahren 2‘500 Frauen getötet. Hier in Meseritz-Obrawalde werden zwischen 1942 und 1944 insgesamt 18‘000 Menschen ermordet und in Massengräbern, die als Einzel-Gräber getarnt sind, verscharrt. Man lässt si verhungern, gibt ihnen Gift oder schlät sie tot. Anfang 1945 Soll noch ein Krematorium zur Beseitigung der vielen Leichen gebaut werden. Einige 1‘000 Urnen stehen schon bereit.

Die Kreis-Irrenanstalt Irsee im im Allgäu, Zweig-Anstalt der Anstalt Kaufbeuren. Hier pflegen Ordens-Schwestern der Kongregation vom heiligen Vinzenz von Paul, dem Begründer der neuzeitlichen Caritas. Irsee ist eine von vielen Anstalten, die sich dazu hergeben, von 1942 bis 1945, das heisst bis zum Einmarsch alliierter Truppen, behinderte Kinder und Erwachsene verhungern zu lassen, oder zu vergiften. Nach der mutigen Predigt des Bischofs Galen, waren zwar Ende August 1941 die Vergasungen eingestellt worden, doch die Morde gehen unvermindert weiter.

Im November 1940 dreht in Kaufbeuren-Irsee ein Kamera-Team der Nazis, um den Kranken-Mord als „Erlösungs-Tat“ vorzuführen. Für die Aufnahmen werden besonders auffällige Patienten festgehalten und vor die Kamera gerückt. Einige weinen. Es werden, wie es im Drehbuch heisst, „verschiedene Abnormitäten“ gefilmt. Extrem Auffällige werden sogar von der Vergasung zurückgestellt, um sie vorher noch als „Abnormität“ abzufilmen. Im Drehbuch, das als „geheime Reichs-Sache“ deklariert ist, steht über Szenen aus der Frauen-Abteilung Irsee: „Ist dieses lärmende Durcheinander irrer Gedanken und wahnsinniger Ideen noch menschliches Leben?“ Die Opfer werden angehalten ihre Defekte vorzuführen, die im Übrigen weniger Ausdruck der Krankheit, sondern eine Folge des langjährigen Anstalts-Aufenthaltes sind. In der Fachsprache „Hospitalismus“ genannt.

Auch in Kaufbeuren werden die „am sichtbarsten Defekten“ vor der Kamera aufgebaut. Der Propaganda-Film, der mit der Vergasung von Patienten endete, wurde niemals öffentlich vorgeführt und bei Kriegs-Ende wahrscheinlich vernichtet. Die Aufnahmen, die wir hier zum ersten Mal zeigen, stammen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus den Resten des geheimen Film-Materials. Die Filmrollen lagerten in Kaufbeuren.

Obwohl in Kaufbeuren und Irsee kein Mangel an Nahrung ist, lässt man die arbeitsunfähigen Kranken ab Ende 1942 qualvoll verhungern. Auf einer Konferenz im Bayerischen Innen-Ministerium war nämlich im November 1942 beschlossen worden, unproduktiven Kranken nur noch eine sogenannte „Hunger-Kost“, zum Beispiel in Wasser gekochte Rüben, zu verabreichen. Die Wirkung sollte ein langsamer Tod nach etwa drei Monaten sein. Es gab dazu sogar einen Erlass des Bayerischen Innen-Ministeriums, die Arbeitsfähigen zu Lasten der übrigen Insassen zu verpflegen. In Irsee versuchen die Nonnen, wie sie nach Kriegs-Ende berichteten, den Verhungernden hin und wieder mit Zusatz-Nahrung zu helfen. Sie liefern aber wissend die Opfer auf jener Station ab, wo sie kurz darauf vergiftet werden. Im Einzelfall sehen die Schwestern auch zu, wenn die Opfer gespritzt werden. Andere schauen weg oder verlassen vorher das Zimmer. Die Oberin, die barmherzige Schwester Irmengard, 1948 in einer Aussage: „Ich war selbst mit dabei, als Dr. Gärtner die Einspritzungen vorgenommen hat.“ Insgesamt sind in Irsee und Kaufbeuren mehr als 1‘200 Kranke vergiftet worden oder verhungert.

Die Krankenschwester Pauline Kneissler, noch 1934 in einer Evangelischen Kirchen-Gemeinde, Mitglied des Kirchen-Chores und Helferin im Kinder-Gottes-Dienst. Sie hat schon in den Vergasungs-Anstalten Grafeneck und Hadamar beim Massen-Mord geholfen, ehe sie im April 1944 nach Irsee kommt, um auch hier Kranke zu töten. Der Katholische Anstalts-Pfarrer trifft mit ihr eine Vereinbarung:

„Meine Forderung an Schwester Pauline hatte den Erfolg, dass sie mir namentlich jene Patienten mitteilte, welche mit den Sterbe-Sakramenten versehen werden mussten.“

Das heisst die Mord-Schwester informierte den Pater, wen sie jeweils vergiftete. So arbeiteten Mörderin und Pater in gewisser Weise zusammen. Die Morde in Irsee wurden geistlich begleitet. Kaufbeuren-Irsee heute: Ein Mahnmal erinnert an die Ermordeten. Auch in anderen Einrichtungen mahnen, wenn auch häufig sehr versteckt und verschlüsselt, Gedenktafeln. Die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland gab 1985 eine Erklärung ab:

„Wir bekennen, dass wir in unserer Kirche zu wenig Widerstand gegen die Zwangs-Sterilisierung, die Ermordung kranker und behinderter Menschen und gegen unmenschliche Menschen-Versuche geleistet haben. Wir bitten die überlebenden Opfer und die hinterbliebenen Angehörigen der Ermordeten um Vergebung.“

So eindeutig ist selten innerhalb der Kirchen, zuvor und danach, eigene Schuld bekannt worden.

Kommentare:

  1. Hallo David, danke für die Veröffentlichung und die Traskiption. Konnte mir auf einmal lediglich Tei1 anschauen. Bin vor Entsetzen vorerst mal sprachlos, Zsofia

    AntwortenLöschen
  2. Danke für die Arbeit, dies alles zu untertiteln und online zu stellen. LG Martin

    AntwortenLöschen
  3. @Martin: Danke für die Verbreitung auf Bizeps.

    AntwortenLöschen
  4. Ich weise den letzten Kommentator (den ich nicht freigeschaltet habe) darauf hin, dass auf diesem Blog rassistische, bzw. eine ganze Nation beleidigende Äusserungen nicht freigeschaltet werden.

    AntwortenLöschen
  5. Harte Kost, auch wenn man schon viel zum 3. Reich gelesen hat. Sehr eindrucksvoll recherchiert und zusammengestellt... Danke für die Veröffentlichung.

    AntwortenLöschen