Dienstag, 12. September 2017

Offener Brief von Eric Bertels an die Behindertenorganisationen

Wie weiter mit der Behindertengleichstellung? 


Sehr geehrte Damen und Herren

Am 3.12.2016 habe ich das Buch «Die schweizerische Behindertengleichstellung» herausgegeben. Darin zeige ich auf, wie die Behindertengleichstellung in der Schweiz entstanden ist und mit welchen Widerständen Betroffene und Organisationen zu kämpfen hatten. Ich beschäftige mich auch heute noch mit diesen Fragen und verfolge diesen Prozess in der Schweiz intensiv. Dabei ist mir folgendes aufgefallen:

Seit einiger Zeit wird in der Schweiz versucht, beim Bund eine kohärente Behindertenpolitik mit Strategie zur umfassenden Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention und ein dazugehörendes Monitoring-System zu installieren. Erst kürzlich hat der Schattenbericht von Inclusion Handicap dies wieder als zentrale Hauptforderung in den Raum gestellt. Offen gesagt, frage ich mich, ob diese Strategie erfolgreich ist. Natürlich wäre man froh, wenn man auf solche Instrumente zurückgreifen könnte. Doch aufgrund meiner langjährigen Erfahrung glaube ich nicht, dass diese beiden Hilfsmittel uns wirklich weiterbringen. Folgende Gründe sprechen meiner Meinung nach dagegen:

Erhebliche Lücken in der Behindertengleichstellung bestehen heute auf der Ebene der Kantone und Gemeinden. Wir wissen alle, dass wir einen starken Föderalismus haben und dass der Bund nur begrenzt Einfluss auf die Kantone hat. Auch das beste Behindertenkonzept aus der Bundesschublade wird in den Kantonen kaum Beachtung finden, ausser es wird mit neuen nationalen Gesetzen verknüpft, was wiederum eine sehr starke Behindertenlobby nötig macht, die es in der Schweiz aber nicht gibt. So oder so braucht die Erstellung dieser Grundlagen endlos viele Jahre und verschlingt eine Menge Ressourcen. Wir haben aber weder die Zeit noch ausreichend Ressourcen dafür. Und ob der Bundesrat bzw. das bürgerliche Parlament jemals bereit sein werden, die hierfür benötigten Geldmittel zu bewilligen, steht in den Sternen. Ich erinnere nur daran, dass der Bundesrat beim EBGB bereits die Mittel kürzen wollte (siehe Mitteilung 4.10.2016 von Inclusion Handicap).

Um die Behindertengleichstellung in der Schweiz schneller und effizienter zu erreichen, gibt es meiner Meinung nach bessere Wege:

Kantonale Beauftragte für die Behindertengleichstellung in den Kantonen


Wie Sie der Presse vielleicht entnommen haben, hat die Stadt Zürich vor kurzem zwei neue Behindertenbeauftragte eingesetzt. Dies ist der richtige Weg! Neben der Stadt Bern hatte auch der Kanton Basel-Stadt lange Zeit eine solche Anlaufstelle. Als ehemaliger Leiter der Fachstelle hindernisfreies Bauen von Basel-Stadt begleitete ich den Behindertenbeauftragten über viele Jahre hinweg. Ich konnte feststellen, wie enorm wirksam diese Funktion war. Der Beauftragte wirkte auf zahlreichen Ebenen praxisbezogen und realistisch. Er konnte dadurch viele Verantwortliche in den Ämtern und Verwaltungen für dieses Anliegen gewinnen.

Ich habe vielen Regierungsräten in den Kantonen mein Buch zugestellt. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv, und ich habe das Gefühl, dass viele Kantone heute bereit sind, solche Stellen zu schaffen. Grund dafür ist, dass die Erkenntnis gewachsen ist, dass die Behindertengleichstellung die treibende Kraft für eine altersgerechte Infrastruktur ist. Daran sind heute sehr viele Gemeinden und Kantone aufgrund der Überalterung interessiert. Zudem steht eine Deinstitutionalisierung im Behindertenbereich bevor, und auch dafür braucht es entsprechende Fachleute.
 

Schulung der Verantwortlichen


Wie ich mit meinem Buch aufzeigen konnte, hatten die USA mit der ADA («American with Disabilities Act»), die 1990 eingeführt wurde, eine wesentliche Vorbildfunktion für die Schweiz. Das amerikanische Bundesgesetz, das ein Stück weit mit unserem BehiG vergleichbar ist, löste in den USA grosse Fortschritte bei der Behindertengleichstellung aus. Dafür verantwortlich sind zum einen die hohen Geldstrafen, die bei Verstössen anfielen, zum anderen die in allen Teilen der USA organisierten Schulungen und Seminare, die sich an Arbeitgeber, Architekten, Verwaltungen usw. richteten.

Genau hier muss auch die Schweiz ansetzen. Seit 15 Jahren führe ich verschiedene Kurse für die Schweiz. Fachstelle für behindertengerechtes Bauen durch und stelle fest, dass Kurse zur Gleichstellung behinderter Menschen sehr grossen Anklang finden. Viele Mitarbeiter in den Verwaltungen, die damit in Kontakt kommen, sind interessiert an diesem Thema. Sie besuchen gerne Kurse, in denen Betroffene verdeutlichen, was genau berücksichtigt werden muss. Doch leider gibt es in der Schweiz kaum solche Schulungen. Hier besteht eine grosse Lücke, die meiner Meinung nach von den Behindertenorganisationen gefüllt werden kann/muss. 

Ich bitte Sie also, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass in allen Kantonen möglichst rasch die Stelle eines Behindertenbeauftragten geschaffen wird. Ideal wäre es, wenn diese Stellen durch Menschen mit Behinderungen besetzt würden. Gleichzeitig fände ich es sehr wünschenswert, wenn möglichst viele Kurse zum Thema Behindertengleichstellung organisiert und durchgeführt werden.

Es grüsst Sie freundlich

Sonntag, 9. April 2017

Warum es laut Peter Singer vielleicht in Ordnung ist, Menschen mit Behinderung zu vergewaltigen

Fürsprecher von Menschen mit Behinderung zeigen kein Interesse für den utilitaristischen Professor Peter Singer. Das liegt daran, dass Singer die Ermordung von Neugeborenen mit Behinderung öffentlich gerechtfertigt hat. In seinem Buch "Praktische Ethik" wog Singer die moralischen Rechtfertigungsgründe für die Euthanasie von behinderten Babies. Er schlussfolgerte, dass es in schweren Fällen, wie beispielsweise bei Kindern mit einem offenen Rücken, sogar moralisch falsch sein könnte, das Kind nicht zu töten. Bei weniger schwerwiegenden Diagnosen, wie beispielsweise der Bluterkrankheit, schlussfolgerte Singer, dass die Entscheidung für oder gegen die Tötung des Kindes davon abhängen sollte, wie sich dies auf das Glücksempfinden der Eltern auswirkt und ob diese vorhaben, ihr Kind durch ein anderes, nicht-behindertes zu "ersetzen":

"Wenn der Tod eines behinderten Kindes zur Geburt eines Kindes mit besseren Aussichten auf eine glückliches Leben führt, ist die Summe des Glückes grösser, wenn das behinderte Kind getötet wird. Der Verlust glücklicher Lebenszeit des ersten Kindes wird aufgewogen durch den Gewinn glücklicher Lebenszeit des zweiten Kindes. Wenn also die Tötung des hämophilen Kindes keine nachteiligen Effekte auf andere Menschen haben sollte, wäre es in der Gesamtsicht richtig, es zu töten."

Singers frühe Äusserungen zur Euthanasie von Menschen mit Behinderung führte zu Protesten gegen seine Vorlesungen während der 90er Jahre, und löste eine Kontroverse aus, als er die Professur für Bioethik an der Princeton-Universität erlangte. Seit damals hat Singer wenig getan, um seinen Leumund bei der Behindertenbewegung zu verbessern, da er immer wieder Interviews mit kontroversen Ässerungen über die moralische Rechtfertigung für Kindsmord gegeben hat. Und er hat es nur noch schlimmer gemacht, als er verkündete, dass er nicht bereit wäre ein Kind mit Down-Syndrom grosszuziehen, weil es ihn nicht glücklich machen würde ("Wenn ich wüsste, dass mein Kind sich voraussichtlich niemals zu einer Person entwickeln wird, die ich als mir ebenwürdig behandeln kann, würde meine Freude es grosszuziehen und es sich entwickeln zu sehen erheblich reduzieren"), und in dem er Rückfragen wie die folgende stellt:

"Die meisten Menschen denken, dass das Leben eines Hundes oder eines Schweins weniger wert ist als das Leben eines normalen menschlichen Wesens. Auf welcher Grundlage können diese Menschen behaupten, dass das Leben eines geistig hochgradig behinderten menschlichen Wesens  mit einer intellektuellen Kapazität, die der eines Hundes oder Schweines unterlegen ist, so viel Wert ist wie das Leben eines normalen menschlichen Wesens?"

Diese Art von Zeug (beständig wiederholt) hat bei einigen Menschen mit Behinderung den nicht abwegigen Eindruck hinterlassen, dass Peter Singer, der womöglich prominenteste Ethiker der Welt, es vorziehen würde, wenn sie sterben würden. (Und unglücklicherweise hat Singer mit seinen widerwärtigen Ausführungen seine lobenswerten Anstrengungen untergraben, die er unternommen hat, um die Menschen für die leidenden Kinder dieser Welt zu sensibilisieren. Für einen Utilitaristen scheint Singer nicht sehr viel über die "Utilität" (Nutzen) nachzudenken, die er erzeugt, wenn er seine Glaubwürdigkeit als Ethiker untergräbt, in dem er kaltschnäuzige und brandstiftende Kommentare über Menschen mit Behinderung von sich gibt.

Manch einer mag aus all diesen Gründen gedacht haben, Singer könnte Menschen mit Behinderung unmöglich noch mehr vor den Kopf stossen, oder dafür sorgen, dass er noch mehr wie ein Monster klingt.

Manch einer könnte sich da irren. Denn nun war Singer Coautor eines Editorials der New York Times, in welchem er Vergewaltigungen von Menschen mit Behinderung moralisch zu verteidigen scheint.

Das Argument, welches Singer in seinem Times-Artikel ausführt, ist atemberaubend abstossend. Aber zunächst ist es wichtig den Fall zu verstehen, welchen er kommentiert hat. Es geht um den Fall von Anna Stubblefield, eine Philosophie-Professorin der Rutgers Universität, welche wegen sexuellen Missbrauchs ihres geistig behinderten Schülers zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. Der Fall ist, gelinde gesagt, extrem ungewöhnlich. Ihr Schüler D.J. ist ein mehrfachbehinderter 30-jähriger Mann mit Cerebralparese, der in seinem ganzen Leben noch nie ein Wort gesagt hat und nur durch Schreie und Zwitscher-Geräusche kommunizieren kann. Stubblefield war seine Privatlehrerin und benutzte eine diskreditierte, pseudowissenschaftliche Technik um das zu interpretieren, was ihrer Ansicht nach komplexe Kommunikationsversuche von D.J. waren. Basierend auf ihren Interpretationen begann Stubblefield damit, Sex mit D.J. zu haben, für den sie während ihrer gemeinsamen Zeit romantische Gefühle entwickelte.

D.J.'s Familie war entsetzt feststellen zu müssen, dass Stubblefield, die D.J. angeblich dabei geholfen hat, höchst intelligente Botschaften zu formulieren, welche seine komplexe Gefühlswelt zeigten, in Tat und Wahrheit etwas getan hat, was sie als Missbrauch erachteten. Stubblefield beharrte darauf, dass D.J.'s Behinderung rein körperlich sei, dass er einen offenen Geist besässe und nur ein Mittel braucht, um sich ausdrücken zu können. D.J.'s Familie glaubte, dass seine geistigen Defizite ebenso schwerwiegend seien wie seine körperlichen und dass er deshalb genauso unfähig war, einer sexuellen Beziehung zuzustimmen wie ein Kind. Aufgrund der Strafanzeige der Familie wurde Stubblefield vor Gericht gestellt und verurteilt.

An dieser Stelle kommen wir zurück zu Peter Singer. Singer und Jeff McMahan, welcher Professor an der Oxford-Universität ist, argumentieren, dass Stubblefield's Verurteilung aus verschiedenen Gründen höchst ungerecht sei. Der zuständige Richter gestattete Stubblefield nicht, zu beweisen, dass D.J.'s kognitive Fähigkeiten gross genug waren, um kommunizieren und der sexuellen Beziehung zustimmen zu können. Man ging von vornherein davon aus, dass D.J. ein hilfloses Opfer sei, ohne diese Annahme irgendwie zu untermauern. Falls D.J.'s Fähigkeiten wirklich unterschätzt worden sein sollten, wie Stubblefield es behauptet und man diese Tatsache mit einer anerkannten Technik hätte beweisen können, dann hätte man ihn fragen können, ob er den sexuellen Handlungen zugestimmt hat oder nicht. Stattdessen unterstellte man ihm einzig aufgrund seiner Unfähigkeit zu sprechen, keine Stimme zu haben.

Das ist ein absolut vernünftiges Argument. Wie Singer und McMahan schreiben, stammt dieses Argument von Behindertenvertretern, deren Haltung zum Stubblefield-Fall nicht unbedingt dem entspricht, was man spontan annehmen würde. Während dem die Behindertenbewegung sich selbstverständlich darum bemüht, Menschen mit Behinderung vor sexuellem Missbrauch zu beschützen, ist man natürlich auch misstrauisch gegenüber Argumenten, welche die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung bedrohen, indem sie sie als zwangsläufig kindlich und Entscheidungsunfähig darstellen. Einige meinen, dass das Urteil D.J. sogar erniedrigt, da es ihm weniger Menschsein zuspricht, als Stubblefield es tat.

Wenn Singer dabei geblieben wäre, dass man es Stubblefield hätte erlauben müssen, mehr Beweise zu präsentieren und dass man D.J.'s Wünsche mehr hätte respektieren müssen, so hätte sich sein Ansehen in der Behindertenbewegung vielleicht ein kleinwenig verbessert.

Stattdessen entschied er sich dafür, Stubblefield auf eine andere Weise zu verteidigen und damit eines seiner bisher abscheulichsten Argumente zu liefern: Es sei vielleicht gar nicht falsch, Menschen mit geistiger Behinderung zu vergewaltigen. Singer und McMahan schreiben:

"Wenn wir davon ausgehen, dass D.J. hochgradig geistig behindert ist, sollten wir einräumen, dass er nicht fähig ist, die Bedeutung einer sexuellen Beziehung zwischen zwei Menschen oder die Bedeutung von sexueller Gewalt zu verstehen. Diese Dinge sind sogar für Menschen mit normaler kognitiver Kapazität schwer nachzuvollziehen. In diesem Fall ist er nicht dazu in der Lage, ein fundiertes Einverständnis zu einer sexuellen Beziehung zu geben. In der Tat versteht er womöglich nicht mal das Konzept eines Einverständnisses an sich. Das schliesst nicht aus, dass Stubblefield im Unrecht angetan hat, aber es ist dadurch weniger klar, was dieses Unrecht konkret bedeutet. Es ist vernünftig anzunehmen, dass ihm diese Erfahrung Vergnügen bereitet hat; denn auch wenn er kognitiv eingeschränkt ist, so hätte er sich doch körperlich zur Wehr setzen können."

Denken wir sorgfältig darüber nach, was hier gesagt wurde. Bei diesem Argument gehen Singer und McMahan davon aus, dass D.J. schwer eingeschränkt ist. In ihren Augen bedeutet das, dass er intellektuell zu stark eingeschränkt ist, um zu verstehen, was ein Einverständnis bedeutet. Und weil er es nicht versteht, kann er es auch nicht verweigern. Und weil er sich auch körperlich nicht zur Wehr gesetzt hat, ist es vernünftig davon auszugehen, dass er eine gute Zeit hatte, weshalb es unklar ist, warum es schädlich sein soll, ihn für nicht-einvernehmlichen Sex zu benutzen.

Nochmals, sein wir uns im Klaren darüber, was die beiden da sagen: Wenn jemand geistig stark genug eingeschränkt ist, dann ist es möglicherweise in Ordnung, ihn zu vergewaltigen, solange er sich nicht zur Wehr setzt, da ein ausbleibender körperlicher Widerstand die Annahme rechtfertigt, dass er es geniesst, vergewaltigt zu werden. (Singer offeriert hier eine Variante seiner eigenen früheren Argumentation, mit der er Sex mit Tieren verteidigte, da Singer glaubt, Menschen mit Behinderung und Tiere seien in Sachen ethische Analysen ein und dasselbe.) Bitte beachten Sie, dass seine Argumentation auch den sexuellen Missbrauch von Säuglingen rechtfertigt, die ebenfalls nicht fähig sind zu verstehen, was ein Einverständnis ist.

Die New York Times hat somit gerade eine philosophische Verteidigungsschrift für die Vergewaltigung von Menschen mit Behinderung publiziert und Peter Singer hat es - irgendwie - geschafft, einen neuen Tiefpunkt im Themenfeld Behinderung zu erreichen. (Eigentlich, um ganz genau zu sein, ein Argument, demzufolge es nicht klar ist, welcher Schaden entsteht, wenn man einen Menschen mit Behinderung vergewaltigt und die Schlussfolgerung daraus, dass nicht-einvernehmlicher Sex mit körperlich und geistig hilflosen Menschen gar keine Vergewaltigung ist, wenn die Opfer nicht wissen, was Einvernehmen überhaupt bedeutet.)

Singers saloppe Rationalisierung von sexuellem Missbrauch veranschaulicht, warum man sich dem Utilitarismus gar nicht erst anschliessen sollte. Utilitaristen sind peinlich genau und Spock-ähnlich im "durchrechnen" ihrer Prämissen, doch ihre unfehlbare Logik führt zwangsläufig zu schlichtweg grauenerregenden oder bizarren Schlussfolgerungen, die total in Konflikt stehen mit den fundamentalsten moralischen Werten der Menschen. Utilitaristisches Denken kann dich dazu bringen daran zu glauben, dass es so etwas wie "gut" und "böse" gar nicht gibt, nur "besser" und "schlechter" (was bedeutet, dass sogar Völkermord nicht von Natur aus schlecht ist, sondern akzeptabel, wenn es die am wenigsten schlechte verfügbare Option in einer bestimmten Situation ist). Es kann zu der Annahme führen, dass es für ein Paar unmoralischer ist, kinderlos zu bleiben, als einen Obdachlosen im Seniorenalter im Schlaf zu ermorden (denn daran zu scheitern, ein potentiell glückliches, langes Leben zu kreieren ist schlimmer als jemandem seine unglückliche, kurze Restlebenszeit zu rauben). Wie Freddie deBoer aufzeigte, kann es dich zu der Annahme führen, dass du im "Jim Crow"-Süden einen unschuldigen schwarzen Mann für ein Verbrechen in die Pfanne hauen und lynchen lassen solltest, wenn du damit den Groll der Weissen besänftigen und verhindern kannst, dass sie eine Welle von noch brutalerer Gewalt lostreten. Es kann dich auch dazu bringen, Ausbeuterbetriebe und Fabrik-Einstürze in Entwicklungsländern zu verteidigen. Aufgrund der Natur ihrer Prämissen kommen Utilitaristen ständig an dem Punkt an, an dem sie eine endlose Reihe an Unmenschlichkeiten als moralisch notwendig billigen. Es ist eine grässliche Philosophie, die dich zu brutalen und perversen Schlussfolgerungen führt und im allerschlimmsten Fall macht sie aus dir einen Peter Singer.

Ich denke an diesem Punkt ist niemand mehr von Singers Verhalten überrascht. Dennoch war es irgendwie unglücklich, dass er auf ein Argument für mehr Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung ein Argument folgen liess, welches bestreitet, dass ein Schaden entsteht, wenn man sie sexuell missbraucht. Aber er hat während seiner Karriere deutlich gezeigt, dass er sich nicht für die Konsequenzen der Dehumanisierung von Menschen interessiert. Wahrscheinlich ist es viel schockierender, dass man bei der New York Times entweder nicht realisiert hat, wie hier argumentiert wurde, oder das Gefühl hatte, dass diese Auseinandersetzung einen seriösen Beitrag zu Debatten über Einverständnis und Behinderung beisteuern würde. So oder so, die fortlaufende Präsenz Peter Singers im nationalen Dialog über Behinderung zeigt uns, wie weit der Weg zu einer Gesellschaft ist, in der Menschen wie D.J. ihre volle Menschlichkeit zugesprochen wird - von Staatsanwälten, wie auch von Philosophen.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: Current Affairs

Dienstag, 28. Februar 2017

Unterstützung des gemeinnützigen Vereins PSYCHEXODUS

Sehr geehrte Damen und Herren

Seit nun genau 30 Jahren verteidigt der Verein PSYCHEX Zwangspsychiatrisierte. In seinen Archiven haben sich über 25’000 Dossiers von Menschen gestapelt, welche sich mit unserer Hilfe gegen die Zwangseinweisungen und Zwangsbehandlungen in psychiatrischen Anstalten gewehrt haben. Unser Kerngeschäft besteht darin, für die Betroffenen schweizweit das Haftprüfungsverfahren gemäss Art. 5 Ziff. 4 EMRK direkt bei den zuständigen Gerichten und Verwaltungsbehörden in Gang zu setzen – für die Gerichts- und KESB-Verhandlungen unter Benennung einer VerteidigerIn, welche wir aus einer Liste von rund 300 AnwältInnen auswählen können.

Eine Riesenherausforderung für den Verein, wie man sich das ja vorstellen kann.

Abfallprodukt des Einsatzes für die Klientel ist unsere Kritik an den Vorgängen hinter den Hochsicherheitsschleusen. Ab 1990 wurde unser Verein vom Bundesamt für Sozialversicherungen subventioniert. Ganz offensichtlich unserer scharfen Kritik wegen sind sie im Sommer 2014 gestrichen worden.

Seither sind wir gezwungen, unseren Pikettdienst ausschliesslich via Spenden zu finanzieren.

Wir gelangen mit der Bitte an Sie, unsere anspruchsvolle Arbeit mit einer steuerabzugsfähigen Spende an den Parallelverein PSYCHEXODUS zu unterstützen.

Es wäre nett, wenn Sie diesen Aufruf auch an Ihre Kontakte weiterleiten.

Einzelheiten ergeben sich aus den Jahresberichten der Vereine PSYCHEX und PSYCHEXODUS, den Informationen auf den jeweiligen Homepages und allen übrigen Links in diesem Mail.

Wir bedanken uns zum Voraus für jeden Betrag.

Mit freundlichen Grüssen

Vereine PSYCHEX und PSYCHEXODUS
Edmund Schönenberger
Rechtsanwalt
Gründer und Vorstandsmitglied

Kontodaten:

Verein PSYCHEXODUS, 8000 Zürich, PC-Konto 89-263419-3
Banküberweisung: Postfinance, 3030 Bern, IBAN: CH87 0900 0000 8926 3419 3  BIC/SWIFT: POFICHBEXXX

Donnerstag, 16. Februar 2017

Behindert, gemieden und zum Schweigen gebracht in Trumps Amerika

Ich bin eine Frau. Ich bin körperlich behindert. Und ich war noch nie so beunruhigt wie jetzt.

Ich sass da und starrte auf den Bildschirm meines Computers als die Worte "Seite nicht gefunden" auf der Website des Weissen Hauses auftauchten.

Ich fühlte mich, als hätte man mir gerade in den Bauch geboxt, als ich begriff, dass die Unterseite zum Thema Behinderung im Nachgang der Amtseinführung entfernt wurde. Nur zwölf Stunden zuvor, nachdem Trump den Amtseid abgelegt hatte, sprach er ich seiner Antrittsrede davon, das amerikanische Volk zu ermächtigen: "Die heutige Zeremonie hat eine ganz besondere Bedeutung. Denn heute übertragen wir nicht einfach nur die Macht von einer Verwaltung an eine andere, oder von einer Partei an eine andere. Wir übertragen die Macht von Washington D.C. zurück an euch, das amerikanische Volk."

Das ist jedoch nicht das, was ich gehört habe, als ich in dieser Nacht auf meinen Bildschirm gestarrt habe, zornig und mit dem Gefühl, besiegt worden zu sein. Was ich in meinem Kopf gehört habe, war diese kleine Stimme, die da schon mein ganzes Leben lang sitzt. Es ist diese Stimme, die versucht, an mir zu zehren und mich dazu zu bringen, an mir selbst zu zweifeln. Es ist die Stimme, die mich dazu gebracht hat, meinen Selbstwert in Frage zu stellen und meinen Platz in der Gesellschaft.

"Du bedeutest nichts."

"Du bist es nicht wert."

"Du bist keine Person."

In seinem Wahlkampf und bis jetzt auch in seiner Präsidentschaft, war genau das Trumps Botschaft an mich. Und das ist nicht in Ordnung. (Eine Suche nach "Americans with Disabilities Act" auf der Website des Weissen Hauses lieferte keine Treffer. Ich erhielt die Empfehlung, weniger oder allgemeinere Stichworte zu verwenden. Das hat auch nichts gebracht. Eine archivierte Version der Unterseite über Behinderung zu Zeiten der Obama-Administration kann hier gefunden werden.)

Ich habe Leute sagen gehört: "Naja, die Trump-Administration führt wohl gerade Updates an der Website durch. Alle diese Unterseiten werden bald wieder online sein." Vielleicht stimmt das ja, aber ist das wirklich der Punkt? Das zu wissen hat diese Entdeckung nicht weniger beissend für mich gemacht.

Wie wir wissen, hat der Präsident nicht nur einen kompletten Mangel an Bewusstsein für Behindertenrechte und der wichtigen Rolle gezeigt, die Menschen mit Behinderung in einer inklusiven Gesellschaft spielen können. Er war uns gegenüber herablassend und grob. Wir alle wissen, wie er das körperliche Erscheinungsbild des Times-Reporters Serge Kovaleski verspottet hat. Ebenso wissen wir, dass er die wahre Bedeutung des Vorfalls leugnet und sich weigert, sich zu entschuldigen. Über Themen, die uns Menschen mit Behinderung betreffen, haben wir seitdem gar nichts mehr von ihm gehört.

Auch wenn ich nicht für Kovaleski sprechen kann, so glaube ich doch, mich mit ihm identifizieren zu können. Ich kam mit dem Freeman-Sheldon-Syndrom zur Welt, einer genetisch bedingten Muskel- und Knochenkrankheit und hatte in meinen Teenager-Jahren schon 26 Operationen hinter mir. Auch ich habe am College im Hauptfach Journalismus studiert und als Reporterin gearbeitet. Es gab Zeiten, in denen hat es sich angefühlt, als würde mein Rollstuhl alles an mir überschatten und es gab Zeiten, da fühlte ich, dass die Person auf der anderen Seite des Interview-Tisches bei unserem ersten Treffen verblüfft war. Ich hasse es mir vorzustellen, dass Trumps Verhalten gegenüber einem Reporter-Kollegen auch nur ansatzweise widerspiegelt, wie die Menschen über die Behinderten-Community denken.

Aufgrund meines Zustands habe ich mich mein Leben lang übersehen, ausgegrenzt und unterschätzt gefühlt. Ich habe Leute getroffen, die einzig anhand meines Aussehens über meine Fähigkeiten geurteilt haben. Es gab Leute, die miteinander über mich gesprochen haben - oder schlimmer, die meinen Begleitern Fragen über mich gestellt haben, als wäre ich gar nicht anwesend, weil sie angenommen haben, ich könne nicht sprechen. Wenn die sich die Zeit genommen hätten, mich kennen zu lernen, so hätten sie einiges lernen können - beispielsweise, dass ich das College mit Auszeichnung abgeschlossen habe, dass ich mir ein Diplom in Journalismus erarbeitet habe und dass ich fast zehn Jahre lang als Bloggerin und Freelancer-Autorin gearbeitet habe.

Wenn ich direkt mit Trump sprechen könnte, würde ich ihm Folgendes sagen: Worte bedeuten etwas. Worte haben Macht. Jedes Mal wenn du den Mund aufmachst, übst du Macht aus. Und egal ob du das anerkennst oder nicht, trägst du die Verantwortung diese Worte bedächtig und weise zu wählen und dabei an die Interessen der Menschen zu denken. Wer sie verletzend oder herabwürdigend wählt, wird gewisse US-BürgerInnen verletzen. Diese Wunden werden länger nachwirken als irgendeine Pressekonferenz oder eine markige Parole. Das Internet vergisst nie.

Es ist das Jahr 2017 und die Behindertenbewegung hat es weit gebracht. Und dennoch fühle ich mich manchmal, als ob wir noch in den 50ern leben würden. Ich mühe mich oft ab, einen Weg zu finden, das in Ordnung zu bringen. Ich weiss, dass wir damit beginnen müssen, die Art zu verändern, wie die Gesellschaft Menschen mit Behinderung wahrnimmt. Wir dürfen nicht länger als Introvertierte angesehen werden, die nicht fähig sind, für sich selbst zu sorgen. Mehr und mehr von uns sind da draussen in der Welt, proklamieren unsere Würde, fordern unsere Grundrechte ein - kurzgesagt: Leben unser Leben. Am wichtigsten ist, dass wir nicht verschwinden werden. Da wir ca. 20% der Bevölkerung ausmachen, wird es immer schwieriger, uns einfach zu übersehen.

Auch wenn ich das bereits geschrieben habe, muss ich es wiederholen: Was Trump getan hat ist die schlimmste Art von Mobbing, die man Menschen antun kann: Werturteile über sie zu fällen. Ich denke über junge Menschen mit Behinderung nach. Hat sich Trump irgendwelche Gedanken über die gemacht? Was ist mit dem Teenager mit Behinderung, der jeden Tag in der Schule gemobbt wird? Was ist mit dem Kind, das mehr Zeit im Krankenhaus verbracht hat, als auf dem Spielplatz? Was ist mit der jungen Frau, die mit ihren Minderwertigkeitskomplexen kämpft, die verzweifelt versucht, sich mit ihrer Behinderung zu arrangieren? Wenn Spott und Mobbing von der Gesellschaft akzeptiert werden, werden verletzliche Menschen mit Behinderung vielleicht irgendwann glauben, dass sie das verdient haben. Ich weiss aus Erfahrung, dass das eine gefährliche Botschaft ist, die da ausgesendet wird.

Die Wahrheit ist: Ich bin besorgt. Ich fürchte mich davor, bald in einem Land zu leben, in dem man Menschen mit Behinderung aus dem Weg geht, so als würden sie nicht existieren. Ich fürchte mich davor in einem Land zu leben, deren Gesellschaft diese Art von Botschaft vermittelt und denkt, das sei total in Ordnung. Denn ist es ist definitiv nicht in Ordnung und wird auch niemals in Ordnung sein.

Wenn Trump sich wirklich darum scheren würde, wie er den Menschen ihre Macht zurückgeben kann, dann würde er sich mit Mitgliedern der Behindertenbewegung zusammensetzen und zuhören - wirklich zuhören - was sie für Sorgen haben und wie ihre Vorschläge für die Zukunft lauten.

Mein Mantra lautete immer "Ich bin eine Person" und das war niemals wahrer als jetzt. Ja, ich bin eine Person. Ich bedeute etwas. Menschen mit Behinderung bedeuten etwas. Ich werde niemals damit aufhören, für unsere Rechte und gegen Mobber zu kämpfen. Ich werde niemals keine Person sein. Ich hole mir meine Macht zurück und ich möchte, dass Präsident Trump das weiss.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The New York Times

Montag, 6. Februar 2017

Kanada ist ein Traum in Sachen progressiver Einwanderungs-Politik - Es sei denn, du hast eine Behinderung

Das Land ist nicht so grosszügig, wenn Einwanderer oder ihre Kinder die staatlichen Ressourcen "übermässig belasten" könnten.

Es ist kein Geheimnis, dass viele progressive US-Amerikaner Kanada als ein Utopia des Nordens idealisieren. Jeder hat eine Krankenversicherung, gleichgeschlechtliche Ehen wurden zehn Jahre früher als in den USA eingeführt, und das Land hat einen reizenden, linken Premierminister (inklusive Tätowierung und Literatur-Abschluss). Nachdem US-Präsident Trump die Einreise von Flüchtlingen, Einwanderern und Touristen von sieben überwiegend muslimischen Ländern eingeschränkt hatte, twitterte Premierminister Trudeau: "An all jene, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen: Kanada wird euch willkommen heissen, egal woran ihr glaubt. Vielfalt ist unsere Stärke #WelcomeToCanada." Die Liberalen gerieten daraufhin kollektiv ins Schwärmen.

Das Problem ist, dass Kanadas Einwanderungspolitik nicht ganz so traumhaft ist, wie einige US-Amerikaner vielleicht denken. Sie schliesst Menschen mit Behinderung bereits seit Jahrzehnten praktisch aus: Gemäss dem Kanadischen "Immigration and Refugee Protection Act" (Einwanderungs- und Flüchtlingsgesetz) können Ausländer abgewiesen werden, wenn davon ausgegangen werden kann, dass sie das Gesundheits- oder Sozialwesen erheblich belasten würden. Das bedeutet, dass Familien abgewiesen werden können, wenn sie gehörlose Kinder haben und Ehepartner können abgelehnt werden, weil sie einen Rollstuhl benutzen. Diese Praxis ist sogar schärfer als das schwierige Zuwanderungssystem der USA.

Es ist nicht bekannt, wie viele Migranten mit Behinderung von Kanada abgewiesen werden. Die meisten abgewiesenen haben nicht die finanziellen Mittel, um Rekurs einzulegen und nur wenige Fälle schaffen es in die Medien.

Im Jahr 2000 wurde dem Multimillionär David Hilewitz und seinem Sohn Gavin die Zuwanderung aus Süd Afrika verwehrt, weil Gavin eine leichte Entwicklungsstörung hat. Die Deutsche Angela Chesters, die mit einem Kanadier verheiratet ist, bekam keine unbefristete Aufenthaltsbewilligung, weil sie Multiple Sklerose hat. Die Familie Chapman aus Grossbritannien wurde 2008 an einem kanadischen Flughafen an der Einreise gehindert, weil ihre Tochter einen Gendefekt hat. Die niederländische Familie DeJong durfte nicht einwandern, weil ihre Tochter eine leichte intellektuelle Behinderung hat. Der Costa Ricaner Felipe Montoya sollte an einer Universität in Toronto unterrichten, doch seine Familie durfte nicht übersiedeln weil sein Sohn das Down Syndrom hat. 2015 verweigerten die Behörden Maria Victoria Venancio die medizinische Versorgung und versuchten sie abzuschieben, nachdem sie zur Paraplegikerin geworden war.

Gemäss dem kanadischen Professor für Sozialarbeit und Behinderten-Rechts-Aktivist Roy Hanes dominiert diese Praxis das Einwanderungswesen, obwohl das Gesetz Menschen mit Behinderung gar nicht explizit vom Recht auf Einwanderung ausschliesst. Potentielle Einwanderer müssen medizinische und psychologische Untersuchungen über sich ergehen lassen, um zu beweisen, dass ihre Körper und Geisteszustände nicht zur Bürde für Kanadas sozio-ökonomische Struktur werden. Hanes schrieb in einer Abhandlung über das kanadische Einwanderungsrecht, dass diese Politik es Menschen mit Behinderung "extrem erschwert" die kanadische Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Hanes führt aus, dass diese Politik der Ausgrenzung aus der veralteten Vorstellung entstanden ist, dass Menschen mit Behinderung keine produktiven Mitglieder der Wirtschaft seien, weil sie zu viele Ressourcen verbrauchen würden. "Die weit zurückreichenden Bedenken drohender sozialer Abhängigkeit ist bis heute eines der Haupthindernisse für Menschen mit Behinderung. Es scheint, dass Menschen mit Behinderung nach wie vor danach beurteilt werden, was sie nicht tun können und nicht anhand ihrer Fähigkeiten.", heisst es in seiner Abhandlung. "Die Einwanderungsgesetzgebung basiert auf ökonomischem "Utilitarismus" und Menschen mit Behinderung schneiden sehr schlecht ab, wenn man ihre Fähigkeiten nur unter dem Aspekt der ökonomischen Produktivität berücksichtigt."

Einige Wissenschaftler vertreten den Standpunkt, dass diese behindertenfeindliche Einwanderungspolitik gegen die kanadische Verfassung verstossen könnte, ganz zu schweigen von der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Trotz der Möglichkeit einer zukünftigen Reform - derzeit ist ein Bundesgesetz über Barrierefreiheit in Arbeit, welches auch Auswirkungen auf die Einwanderung haben könnte - ist diese diskriminierende Politik gemäss Global Disability Watch "tief verwurzelt" und es gibt "keine Anzeichen für eine Verbesserung." Die Gruppe fügt hinzu, dass Kanadas Einwanderungspraxis zeigt, "wie man ein behinderten-freies Land aufbaut."

Unter dieser Politik verborgen liegt die Annahme, geboren in der widerlichen Ehe zwischen Eugenik und westlichem Kapitalismus, dass ein Mensch an Wert verliert, sobald er kein "produktives" Mitglied der Gesellschaft sein kann. Der Wert wird bestimmt durch den Beitrag an einen Profit, durch Unabhängigkeit und durch die Fähigkeit, seinen Beitrag zu leisten. Natürlich ist die Annahme, dass irgendjemand wirklich unabhängig sein kann, oder dass wir fähig wären, ohne einander zu überleben, ist ein reiner Mythos. Aber es ist ein zentraler Pfeiler der Geschichte des westlichen Kapitalismus - und Kanada umarmt diesen Pfeiler, wenn es um Migrationsfragen geht.

In den Vereinigten Staaten müssen sich angehende Einwanderer ebenfalls medizinisch und psychologisch untersuchen lassen, hauptsächlich um sicherzustellen, dass sie keinen Schaden anrichten oder Verbrechen begehen. Das US-amerikanische System verdient reichlich Kritik, aber Behindertenaktivisten auf beiden Seiten der Grenze sind sich einig, dass die kanadische Einwanderungspolitik in dieser Hinsicht wesentlich restriktiver ist. Ja, Trump denkt sich neue Restriktionen für Einwanderer aus, währendem Kanada seine Offenheit bewirbt. Aber wie viele Asylsuchende, die in der Annahme Schutz zu bekommen von den USA aus nach Kanada ausweichen, werden dort abgewiesen, weil sie eine Behinderung haben? Idealisieren wir kein Land, dass an der ableistischen, in der Eugenik verwurzelten Idee festhält, , dass irgend ein Mensch eine "übermässige Belastung" darstellt.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The Washington Post

Freitag, 3. Februar 2017

S-Bahn nur bis 17.30 Uhr in Freiburg

Kommentar zum Artikel "Ein Bahnhof für den ganzen Kanton", FN vom 22. Dezember 2016

Die meisten haben wohl schon mal auf der SBB-Homepage eine Zugverbindung gesucht. Wählen Sie die S20 von Murten nach Fribourg/Freiburg um 18.01 Ihr aus, werden Sie staunen, sobald der Button „barrierefreie Verbindung“ gedrückt ist. So sitze ich fassungslos vor dem durchgestrichenen Rollstuhlzeichen samt lapidarem Hinweis, dass im Bahnhof Freiburg keine Beförderung möglich sei – sprich die ganze Zugfahrt unmöglich ist.

Neben mir liegt gleichzeitig die FN mit der freudigen Nachricht, dass bald der Halbstundentakt auf der Linie Freiburg-Murten möglich wäre und viele Millionen Franken für die Anpassungen der TPF-Bahnhöfe zur Verfügung stehen. Was geschieht aber im Kantonshauptort-Bahnhof Freiburg, damit auch RollstuhlfahrerInnen die S-Bahn nutzen können? In meinem Maileingang teilt mir Herr Regierungsrat Ropraz seine Zuversicht mit, dass die S-Bahn Perrons 1 und 3 etwas früher als Dezember 2023 an die Vorgaben des Bundesgesetzes über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (BehiG) angepasst werden können. Provisorische Übergangslösungen wie Faltrampen oder Buckel auf dem Perron seien nicht möglich. Hallo, in welchem Jahrhundert leben wir?

Ich danke auf diesem Weg nochmal dem verständnisvollen Lokführer der TPF, der mir das letzte Mal rasch den Einstieg via Mobillift ermöglicht hat und den Reisenden mit Muskelkraft, welche angepackt haben, um den 120kg E-Rollstuhl plus mir am Abend aus der S-Bahn herauszuholen. Vielleicht findet sich ja doch noch eine Lösung. Fröhliche friedliche Weihnachten!

Freundliche Grüsse

Katharina Thomas

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Einweihungsfeier: Erstes barrierefreies Frauenhaus in der Schweiz

Seit Jahren macht Avanti Donne darauf aufmerksam: Frauen mit Behinderungen sind allen Formen von Gewalt deutlich häufiger ausgesetzt als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Dessen ungeachtet gab es in der Schweiz bis jetzt kein barrierefreies Frauenhaus. Öffentliche Schutzangebote müssen jedoch für alle zugänglich sein. Dies verlangt sowohl das Behindertengleichstellungsgesetz als auch die UNO-Behindertenrechtskonvention.

Pionierarbeit in Chur
Das Frauenhaus Graubünden in Chur hat nun Pionierarbeit geleistet und mit Studierenden der Fachhochschule das Projekt «Barrierefreies Frauenhaus» erarbeitet. Infrastruktur (inklusive Webseite mit Informationen in leichter Sprache) und Beratungsangebote wurden für verschiedene Sinnes- und Körperbehinderungen angepasst; auch rollstuhlfahrende Frauen und Kinder finden nun Schutz, Unterkunft, Begleitung und Beratung.

Einladung zum Eröffnungsfeier
Zur Eröffnungsfeier am Samstag, 3. Dezember, im Brandisaal in Chur sind alle herzlich eingeladen. (17–20 Uhr, Brandistrasse 12, 7000 Chur; 6 Gehminuten von Bahnhof).
Auf dem Programm stehen unter anderem ein Konzert von La Triada und eine Kunstauktion zugunsten des Frauenhauses. Mehr Infos auf www.frauenhaus-graubuenden.ch

Gewalt wirksamer bekämpfen
Wir vom Netzwerk avanti donne freuen uns über diesen Schritt und danken dem Team für das Engagement. Andere Frauenhäuser sind aufgerufen, es dem Frauenhaus Graubünden gleichzutun.

Ebenso muss Gewalt auf allen Ebenen wirksamer bekämpft werden, indem Frauen und Mädchen (und auch Männer und Jungen) mit Behinderung in alle Präventions- und Schutzmassnahmen einbezogen werden. Hier gibt es noch viel zu tun. Danke an alle, die unsere Arbeit unterstützen!

Mit den besten Wünschen für friedvolle und besinnliche Festtage:


Angie Hagmann, Geschäftsleiterin

Freitag, 28. Oktober 2016

10vor10-Serie: Burghölzli

Mit 250 Betten ist die grösste Psychiatrische Klinik der Schweiz die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, das "Burghölzli". 5000 Menschen mit psychischen Krankheiten werden dort jedes Jahr behandelt. Erster Teil einer Reportage-Serie, die Einblick gibt in eine Welt, die Aussenstehenden meist verschlossen bleibt.



Beim Wort Psychiatrie kommen einem Horrorbilder in den Sinn - wie im Kinofilm «einer flog übers Kuckucksnest»: Patienten festgebunden oder zugedröhnt mit Medikamenten. In der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, geht es jedoch ganz anders zu.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Happy Radio On Air!

Medienmitteilung vom 31. Mai 2016


Seit 2012 bietet die Radioschule klipp+klang, in Zusammenarbeit mit dem insieme Bildungsklub Aargau, Radiokurse für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung an. Die Teilnehmenden erlernen praxisbezogen radiojournalistische Grundkenntnisse und gestalten zusammen eine Radiosendung. Der Name "Happy Radio" stammt von einem Kursteilnehmer: "Radio macht uns glücklich. Darum passt dieser Name".

Die Redaktion Happy Radio


Die Redaktion Happy Radio besteht aus erfahrenen Teilnehmern aus dem Aargauer Bildungsklub-Kurs. In der Redaktion können sie ihrer Leidenschaft „Radio“ vertiefter nachgehen und sich in Bereichen, die ihnen entsprechen, weiterbilden. Sei es das digitale Editieren, Moderation oder Studiotechnik. Dank der kontinuierlichen Radioarbeit können die Kompetenzen und Ressourcen der Teilnehmenden aufgebaut und gefördert werden. Die Radiomacher Dölf Keller, Kurt Hofer, Silvio Rauch und Peter Estermann bilden das Kernteam der Redaktion Happy Radio. In Begleitung von der Radioschule klipp+klang erarbeiten sie seit Oktober 2015 monatlich eine Radiosendung, welche auf Radio Kanal K ausgestrahlt wird. Im Zentrum der Realisierung dieses Projektes stehen die Partizipation, Selbstbestimmung und Integration von Menschen mit einer Behinderung.


Die letzte Sendung vor der Sommerpause


Die Redakteure beschäftigen sich in der Sendung vom 25. Juni mit dem Thema Naturschutz. Sie erfahren von Sonja Zürcher, Geschäftsführerin von WWF Aargau, warum der Regenwald in Gefahr ist. Ausserdem spricht die Redaktion Happy Radio mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, welche eine Ausbildung zur Selbstvertretung absolviert haben. Wie setzte ich mich für meine Rechte ein? Wie kann ich in der Gesellschaft meine Bedürfnisse vertreten? Für solche Fragen sind SelbstvertreterInnen Experten!

Die Happy Radio Hörlounges im Juni


Wer die Sendungen in Anwesenheit der Radiomachenden anhören möchte, ist herzlich zur Hörlounge eingeladen. Die Hörlounge der Redaktion Happy Radio am 25. Juni, ab 17.30 Uhr in der Gelateria Gwundertüte in Wettingen.

Sendung anhören: Samstag, 25. Juni 2016, 18 bis 19 Uhr auf Radio Kanal K
Lokal über UKW: 94.9 MHz, 92.2 MHz und 103,4 MHz
Auf DAB+ im Grossraum Zürich
Webstream: kanalk.ch

Kontakt: Daniela Hallauer, daniela.hallauer@klippklang.ch, 044 242 00 31/ 076 469 54 91

Siehe auch


Happy Radio

Sonntag, 17. April 2016

Silvio Rauchs Figurentheater zeigt: "Draussen vor der Tür" von Wolfgang Borchert



Wir laden herzlich ein zu dem Drama von Wolfgang Borchert Es ist ein Stück über den Krieg. Und es ist ein Stück über den Heimkehrer aus dem Krieg. Demzufolge ist es "ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" (Zitat Wolfgang Borchert)

Wir wollen es trotzdem zeigen und Sie wollen es trotzdem sehen.

Silvio Rauch aus Altstetten hat das Stück für das Papiertheater neu inszeniert. Er spielt es zusammen mit Jill Aeschlimann.

Wann: Mittwoch, 11. Mai 2016, 19:00

Wo: Pfarrei Heilig Kreuz, Saumackerstrasse 83, 8048 Zürich

Der Eintritt ist frei (Kollekte).

Mittwoch, 23. März 2016

Netzwerktreffen für Selbstvertreter

Logo Mensch zuerst - people first Schweiz


Wir treffen uns am:
Donnerstag, 31. März 2016
Zeit: 19:00 - 21:00 Uhr
Ort: Café Felix und Regula, Hirzelstrasse 18, 8004 Zürich

In Zürich und Umgebung gibt es verschiedene Selbstvertreter-Gruppen und Selbstvertreter.
Darüber denken wir nach:
Wir wollen ein Netzwerk bilden für Selbstvertretung

Was ist mir wichtig ?
Was brauche ich ?
Wie kann das gehen ?
Was kann ich dazu beitragen ?
Will ich das ?

Wir freuen uns.

Wie kommst du dahin?
Ab Hauptbahnhof mit dem
Tram 8 bis Endstation Hardplatz, ca 4 Min laufen bis zur Hirzelstrasse 18.
oder
Tram 3 bis Albisriederplatz, dann der Hardstrasse entlang laufen in Richtung Hardbrücke. Dann siehst du rechts das Kirchenzentrum.
Der Eingang des Cafes ist an der Hirzelstrasse.




Wenn du nicht weiter kommst, rufe mich an.
Handy: 079 723 02 09.

Beste Grüsse
Mathilde Bischoff

Internet-Seite:
Mensch zuerst - people first Schweiz

Samstag, 19. Dezember 2015

Diese PornodarstellerInnen verändern unsere Art über Sex und Behinderung zu sprechen.

"Behinderte Menschen ficken. Das in Pornos nicht zu zeigen, uns nicht auf den Portalen zu integrieren, ist schädlich und nicht authentisch.", sagt der behinderte Sexarbeiter Billy Autumn. Autumns Verfassung wird auf das Ehlers-Danlos-Syndrom zurückgeführt, eine Erbkrankheit, die das Bindegewebe beeinträchtigt. Er arbeitet in einer Branche, von der man nicht unbedingt denkt, dass behinderte Körper darin willkommen sind, aber er ist nicht alleine. Durch die Bemühungen, die Art und Weise zu verändern, wie die Gesellschaft über Sex und Behinderung denkt, werden Sexarbeiter wie Autumn zunehmend sichtbar - und sie verkünden ihren Wunsch nach einer stärkeren Vertretung lautstark.

Die Darsteller, die Mic.com interviewt hat, haben sowohl unsichtbare Einschränkungen, wie beispielsweise Schmerzstörungen oder Gehörverlust, als auch sichtbare Einschränkungen, die sich durch Krücken oder Rollstühle äussern. Die meisten von ihnen sind sich dahingehend einig, dass die Sex-Industrie eine Flexibilität eröffnet, die man in anderen Berufsgattungen kaum findet.

"Gerade wenn man eine Behinderung hat und auf Unterstützungsangebote angewiesen ist, ist es toll, immer noch einen Job zu haben, in dem man machen kann, was man will. Ich kann mir meine Kräfte einteilen.", sagt die Darstellerin Mara Dyne, die Fibromyalgie und somit chronische Schmerzen hat. "Es ist in Ordnung, wenn ich am Tag darauf nichts machen kann, weil es ohnehin kein Job ist, den man jeden Tag macht. Da man sich seine Arbeitsstunden selber einteilen kann, kenne ich doch einige Menschen mit Behinderung, die wegen diesem flexiblen Terminplan auf irgend eine Art in der Sexarbeit tätig sind."

Während dem behinderte Körper von der Gesellschaft üblicherweise ignoriert oder als komplett asexuell angesehen werden, läuft es in der "Alt Porn"-Industrie ganz anders. Es gibt zahlreiche Seiten für "Alt Porn" und "Queer Porn", die ihren Beitrag leisten, in dem sie Darsteller mit verschiedenen Arten von Körpern anheuern.

"Ich kam in einer frühen Phase meiner Geschlechtsangleichung als Fan der Pornoseite "Crash Pad Series" mit dieser Branche in Kontakt und es hat mich wirklich gefesselt.", sagt Maya Mayhem, eine teilpensionierte Transgender-Darstellerin. "Ich sah da wie man Queer, Trans und alle Formen von behinderten Körpern feierte (Es war ohne Zweifel besser als alles, was ich in dieser Zeit gefunden habe) und ich fühlte mich davon stark angezogen."

Doch obwohl DarstellerInnen mit Behinderung in einer Nischenbranche wie der Welt des "Alt Porn" eher willkommen sind als beispielsweise in der Modebranche (kürzlich gab es für das "Interview Magazine" ein kontroverses Foto-Shooting mit der nichtbehinderten Kylie Jenner, die sich in einem Rollstuhl ablichten liess), heisst das nicht, dass die Pornoindustrie die Diversität unserer Gesellschaft perfekt repräsentiert.

Im Mainstream der Porno-Branche werden DarstellerInnen mit Behinderung entweder komplett ignoriert, oder aber in Nischenproduktionen wie Fetisch-Videos angeheuert. In den Siebzigern wurde beispielsweise die amputierte Pornodarstellerin Long Jeanne Silver dafür berühmt, dass sie den Stumpf ihres amputierten Beines für die Penetration benutzte.

Die sichtbar behinderte Queer-Pornodarstellerin Lyric Seal war schon immer in den darstellenden Künsten tätig und kam zum Porno nachdem sie als Erotik-Model tätig war. Seal, eine Rollstuhlfahrerin, sagt, dass der Mainstream der Porno-Industrie Ähnlichkeiten mit Hollywood aufweist, wenn es um die Bereitschaft geht, verschiedenartige Menschen zu zeigen.

"Menschen haben eine Vorstellung davon, welche Art von Körpern die Öffentlichkeit bereit ist zu sehen und für welche Art von Körpern zu sehen sie nicht bereit ist. Und sobald wir über Sex sprechen, sprechen wir auch darüber, welche Art von Körpern die Leute als sexuell wahrnehmen möchten.", sagt Seal. "Wenn wir dazu bereit sind, sie als sexuell anzusehen, in welcher Form müssen wir diese Sexualität dann akzeptieren? Müssen diese Körper fetischistisch dargestellt werden? Müssen sie stereotyp dargestellt werden?"

Seal sagt, dass die fetischistische Darstellung der Behinderung nicht nur schlicht und einfach Teil ihres Berufes ist, sondern auch vollkommen in Ordnung ist - wenigstens solange die Kamera läuft.

"Persönlich habe ich keine Probleme damit, meinen Körper als Fetisch darzustellen. Wirklich nicht. Vor allem als Teil meines Berufes. Ich meine, wenn man Füsse fetischistisch darstellen darf, warum dann nicht auch die Füsse eines Menschen mit Behinderung?" Das ändert sich allerdings ausserhalb des Filmsets: "Wenn ich persönlich mit jemandem interagiere, merke ich, ob ich seine fetischistische Seite anspreche und ich weiss, ob ich damit umgehen kann oder nicht. Und wenn ich damit umgehen kann, liegt das für gewöhnlich daran, dass ich dafür bezahlt werde."

Obwohl sie eine Gesinnungsgenossin der Regisseure des Mainstream-Pornos ist, musste Seal sich abrackern, um im Mainstream-Porno erfolgreich zu sein. "Es ist schon interessant, wenn man sich einen Namen und Aufmerksamkeit im "Queer Porn" und im "Alt Porn" erarbeitet hat und trotzdem niemand ist, der von den regulären Studios zumindest eines zweiten Blickes gewürdigt wird. In gewisser Weise würde ich gerne die Hand nach ihnen ausstrecken und sagen: 'Hey, denkt ihr, dass ihr Platz für meinen Körper habt? Denkt ihr, dass ihr Platz für andere Körper habt, die so sind wie meiner?' Aber das Problem ist eben auch, dass die Produzenten wissen, wie ihre Zuschauer ticken."

Seal sagt, die unzähligen Interview-Anfragen der Medien bezeugt den Mangel an DarstellerInnen mit Behinderung in der Porno-Industrie: "Wenn ich überall herumgereicht werde als die Repräsentantin von Menschen mit Behinderung in der Branche, bedeutet das, dass es zu wenige DarstellerInnen wie mich gibt. Ich bekomme mehr Anfragen für Interviews, als Anfragen für Dreharbeiten."

Andrew Morrison-Gurza von der Aktivisten-Organisation "Deliciously Disabled" stimmt Seal zu. Morrison-Gurza sorgte im Juni für Schlagzeilen, weil er eine Orgie für Menschen mit Behinderung organisiert hat. Als wir ihn danach gefragt haben, wie Menschen mit Behinderung in der Porno-Branche behandelt werden, antwortete er, dass das Problem nicht darin bestehe, dass sie zu selten vorkommen würden, sondern darin, dass "Menschen mit Behinderung in Mainstream-Pornos überhaupt nicht stattfinden. Kulturell bedingt bereitet es uns immer noch immense Probleme, wenn wir einen behinderten Körper in einem sexuellen Kontext sehen."

Wenn man ihm die Möglichkeit geben würde, sagt Morrison-Gurza, würde er selber liebend gerne Pornos drehen. "Es wäre so aufregend, meinen Rollstuhl und meinen behinderten Körper zu sexualisieren, diese ganze Erfahrung jemanden dazu zu bringen, sich auszuziehen, und alle diese Dinge, die auch Menschen mit Behinderung tun, vor laufender Kamera zu tun. Alle diese Dinge könnten Teil der Pornokultur sein."

Seal behauptet, dass wir als Gesellschaft gut daran tun würden, wenn wir über die Sexualität von Menschen mit Behinderung offen sprechen und sie wie als vollwertige, sexualisierte Erwachsene betrachten würden, anstatt als Kinder.

"Eine der Formen von Ableismus, welche Menschen mit Behinderung erleben, besteht darin, dass man sie gegen ihren Willen verkindlicht und von der Gesellschaft auf diese beschissen paternalistische Weise als Schutzbedürftige abstempelt. So als wären wir alle Mündel der Regierung. In vielerlei Hinsicht denkt man über uns, dass wir kraftlose Menschen sind. Menschen, die unmündig sind und nicht entscheiden können.", sagt Seal.

Durch die Sexarbeit, die Porno-DarstellerInnen mit Behinderung leisten, kann die Art, wie wir über Behinderung und Attraktivität sprechen verändert werden, glaubt Morrison-Gurza. Anders als bei einem Foto-Shooting für die Mode-Branche können DarstellerInnen mit Behinderung in Pornos die Gesellschaft dazu zwingen, Menschen mit Behinderung als sexuelle Wesen zu sehen.

"Ich glaube, Menschen ohne Behinderung hat man noch gar nicht die Chance gegeben, Behinderungen als sexy anzusehen. Weil man sie nicht damit konfrontiert, sind sie gar nicht dazu in der Lage, eine Verbindung zwischen Sex und Behinderung herzustellen. Es ist notwendig, ihnen dies auf die netteste mögliche Art vor Augen zu führen, damit sie es als sexy wahrnehmen können.", sagt Morrison-Gurza.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: Mic

Montag, 9. November 2015

UK: Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um 41% zugenommen.

Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur "die Spitze des Eisberges"


Aktenkundige Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um niederschmetternde 41% zugenommen, aber Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur die Spitze des Eisberges.

Gemäss Informationen, die die Zeitung "the Independent" über einen "Freedom of Information request" (Eine Anfrage gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz) erhalten hat, haben von der Polizei registrierte Hassverbrechen von 1'955 Fällen in 2013-14 auf 2'765 Fälle in 2014-15 zugenommen.

Stephen Brookes, Koordinator des "Disability Hate Crime Network" sagte, dass die Zahlen, die von "The Independent" aufgedeckt worden sind, das wahre Ausmass des Problems unterbewerten, da viele Fälle nicht registriert werden. Er sagte, dass es jedes Jahr 60'000 Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung gibt und "die Mehrheit der Fälle niemals registriert wird."

"Was wir erreichen konnten, ist, dass Menschen mit Behinderung etwas mehr Zuversicht bekommen haben, dass man ihnen zuhört."

Er erklärte, dass die Messlatte in der Vergangenheit zu hoch gesetzt wurde und zu viele Menschen annahmen, dass es sich bei eigentlichen Hassverbrechen nur um natürliche Todesursachen und Unfälle handelte.

"Was wir damit sagen wollen, ist, dass dies zwar eine ernste Angelegenheit ist, aber dass wir eigentlich gegen die Feindseligkeit vorgehen müssen, die gegen Menschen mit Behinderung gerichtet ist."

Aus den 38 Antworten der 45 landesweiten Polizeistationen, die wir angefragt haben, ergibt sich eine Zunahme von 41%, verglichen mit der Zunahme von nur 5,9% zwischen 2012-13 und 2013-14.

Diese Nachricht erscheint pünktlich zum zwanzigsten Jubiläum des Beschlusses zur Einführung des "Disability Discrimination Act" (Behinderten-Gleichstellungsgesetz), welches Menschen mit Behinderung rechtliche Gleichstellung einräumte.

Dies geschah in Folge einer Reihe von durch die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung inspirierten Protestaktionen, darunter Demonstrationen auf dem Trafalgar Square und einer Blockade der Busspuren durch Rollstuhlfahrer.

Bevor das Gesetz in Kraft getreten ist, durften Menschen mit Behinderung von Restaurantbetreibern abgewiesen, an der Nutzung des öffentlichen Verkehrssystems gehindert, oder sogar entlassen werden, wenn sie ihrem Arbeitgeber mitteilten, dass sie krank sind.

Aber einer Untersuchung zu Folge, die letzte Woche von der Behindertenorganisation "Scope" veröffentlicht wurde, sagen 62% der Menschen mit Behinderung, dass sie aufgrund ihrer Behinderung anders behandelt werden und nur 40% sagen, dass das Vereinigten Königreich ein guter Ort zum Leben für einen Menschen mit Behinderung sei.

Agnes Fletcher, eine Scope-Beauftragte, die eine Kampagne für eine Änderung des Gesetzes führte, sagte, dass sich die Fronten gegen Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren verhärtet hätten.

Sie sagte: "Bei der Änderung des Gesetzes ging es nicht nur darum, ob es einen Fall gibt und ob man diesen strafrechtlich verfolgen kann, sondern darum, ein Zeichen zu setzen, dass diese Art von Verhalten inakzeptabel ist."

Beth Grossman, Leiterin der Abteilung "Politik & Forschung" bei Scope, sagte, dass die massive Zuspitzung in der Kriminalstatistik auf die verbesserte Sensibilisierung für Hassverbrechen bei der Polizei und Menschen mit Behinderung zurückzuführen sei.

Sie sagte, dass das Innenministerium in den letzten Jahren mit den Polizei-Verantwortlichen zusammengearbeitet habe, um die Beamten dafür zu sensibilisieren, was als Hassverbrechen einzustufen ist und was nicht.

Sie berichtete unserer Zeitung: "Wenn Sie bedenken, dass Polizeibeamte gewöhnliche Menschen wie Sie und ich sind, dann ist es naheliegend, dass sie es womöglich gar nicht merken, wenn Menschen die Polizeistation betreten und Beleidigungen zur Anzeige bringen, bei denen es sich potentiell um Hassverbrechen handeln könnte. Oder wenn eine Person mit Behinderung vorbeikommt und eine Belästigung auf offener Strasse oder einen körperlichen Angriff zur Anzeige bringt und nicht körperlich behindert ist oder nicht direkt behindertenfeindliche Äusserungen raportiert, führt das womöglich dazu, dass die Polizei dies nicht als Hassverbrechen registriert. Nicht aus böser Absicht, sondern weil sie es schlicht und einfach nicht besser wissen."

Dennoch glaubt sie, dass mehr getan werden muss, um das Problem der allgegenwärtigen, unterschwelligen Negativität gegenüber Menschen mit Behinderung zu bekämpfen.

Sie sagte: "Während unserer Untersuchung haben wir herausgefunden, dass 42% der Menschen ohne Behinderung keinen einzigen Menschen mit Behinderung kennen. Womöglich realisiert man gar nicht, dass man selber diese negative Einstellung besitzt, weil man im Alltag nicht mit Menschen mit Behinderung interagiert."

Das Zahlenmaterial zeigt die Geschwindigkeit mit der sich das Handeln der Polizei verbessert hat, seit den Ermittlungen im Jahr 2013 zum Tode von Fiona Pilkington, die sich und ihrer behinderten Tochter das Leben nahm, nachdem sie jahrelangem Mobbing und Beschimpfungen ausgesetzt war, was von der Polizei von Leicestershire ignoriert wurde.

Aber ein etwas älterer Bericht des Strafverfolgungsdienstes der Krone besagt, dass die Polizeikräfte immer noch nicht genug unternehmen, um diese Form der Misshandlung zu unterbinden, die für viele Menschen mit Behinderung ein alltägliches Vorkommnis darstellen.

Simon Green, der den walisischen Ableger des "Disability Hate Crime Network" leitet, erklärt, dass er als Rollstuhlfahrer beinahe jeden zweiten Tag unter mindestens einer Form von Beschimpfung oder Diskriminierung zu leiden habe.

Er sagte, er wurde in der Vergangenheit Opfer von körperlicher und verbaler Misshandlung, aber es seien die beiläufigen, abfälligen Kommentare, die ihn mehr verletzen würden.

Er sagte: "Ehrlich gesagt bin ich immer ein bisschen angespannt, wenn ich beim Ein- oder Aussteigen einer Bahn die anderen Passagiere darum bitten muss, mir den Weg frei zu machen: Werden Sie nett zu mir sein? Oder werden sie herumtänzeln und seufzen, sodass mein Herz ein bisschen schneller schlagen wird? In neun von zehn Fällen kommt es gut, aber es ist diese eine Situation in der jemand eine giftige Bemerkung von sich gibt, die mich nervös macht."

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The Independent

Montag, 2. November 2015

Pro Infirmis und der Güselwagen

Der Werbestil der Pro Infirmis ist gerade in der Behindertenszene sehr umstritten. Während dem ich einige Kritikpunkte nachvollziehen kann, bzw. sogar teile, gibt es hin und wieder auch Beschwerden, die ich persönlich der Pro Infirmis gegenüber für unfair halte. Und fair sollte man immer bleiben - nicht nur dem Gegner zu liebe, sondern auch, um seine eigene Glaubwürdigkeit zu wahren.

Das ist allerdings zugegeben nicht immer ganz einfach. Wenn zum Beispiel im Namen der Pro Infirmis ein Mädchen mit Down-Syndrom von einem Güselwagen herunterlächelt, wirkt das auf den ersten Blick schon sehr verstörend.

Pro Infirmis-Werbung: Ein lächelndes Mädchen mit Down-Syndrom auf einem Müllwagen (Bild: ZVG)

Der Gedanke liegt dann nahe, dass der gebotene Respekt gegenüber diesem Mädchen zu Gunsten einer vergleichsweise billigen (wen wundert's?) Werbefläche vernachlässigt wurde.

Was aber, wenn diese Verbindung von Behinderung und Müllentsorgung von den Verantwortlichen voll beabsichtigt ist? Wenn man bedenkt, dass neun von zehn aller mit Down-Syndrom diagnostizierten Embryonen abgetrieben werden, ist es doch eigentlich recht naheliegend, den Link zur Abfallbeseitigung herzustellen. Das ist noch nicht einmal doppeldeutig: Die wenigsten Eltern dürften sich die Mühe machen, einem Kind, das sie nicht haben wollten, einen Namen zu geben und eine teure Beerdigung zu veranstalten. Diese Kinder landen dann also tatsächlich in der Müllverbrennung, wenn auch nicht via Hauskehricht. Möglich, dass die Pro Infirmis diese Tatsache auf eine etwas polemische Weise anprangern möchte.

In diesem sarkastischen Kontext müsste man dann wohl auch die auf dem Plakat angebrachte Aufforderung interpretieren: "Kommen Sie näher" (Subtext: ...und werfen Sie Ihr defektes Kind gleich selber rein).

- Finden Sie das zu weit hergeholt? Wenn ja, bedenken Sie bitte, dass dieses Plakat, wenn es nicht an einem Güselwagen hängen würde, absolut keinen Sinn ergeben würde. Wir hätten dann nur noch ein lachendes Mädchen (Jö!) mit Down-Syndrom (Doppel-Jö!) und der Aufforderung, näher zu kommen (hä?).

Recycling & Inklusion


Wenn wir aber unsere Abfall-Theorie noch etwas weiterspinnen, erschliessen sich uns weitere Bedeutungsebenen dieser vielschichtigen Werbung: Im Recycling geht man davon aus, dass Abfall oft nur entsteht, weil man mit Ressourcen falsch umgeht. Diese können durch die richtige Aufbereitung aus ihrer Nutzlosigkeit befreit und wieder in den Wirtschaftskreislauf überführt werden.

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit dem sozialen Modell von Behinderung: Auch hier geht man davon aus, dass nicht die Einschränkung eines Menschen seine Behinderung ausmacht, sondern die Ignoranz, mit der Wirtschaft und Gesellschaft auf diesen Menschen und seine Einschränkung reagieren. Wandelt sich aber diese Einstellung hin zu einem inklusiven Denken, kann die Behinderung überwunden werden. Man könnte sagen: Was Recycling für Wertstoffe bedeutet, bedeutet Inklusion für Menschen.

Bei der beruflichen Eingliederung gibt es sogar noch eine Parallele zum in letzter Zeit in Mode gekommenen "Upcycling", also einer Aufwertung des recycelten Materials: ein wiedereingegliederter IV-Rentner kann seine während der Invalidität gemachten Erfahrungen und die gewonnene Sensibilität nutzen und seinen Arbeitgeber bei der Eingliederung weiterer IV-Rentner unterstützen.

Natürlich kann es auch zu einem Downcycling kommen. Beispielsweise dann, wenn der Eingegliederte nachher Gutachten für die IV erstellt.

Fazit


Auf sarkastische, subtile und doch unmissverständliche Weise prangert die Pro Infirmis die "pränatale Wegwerfmentalität" in unserer Gesellschaft an und bewirbt zugleich das soziale Modell von Behinderung.

Diese Güselwagen-Aktion gehört somit zu den subversivsten Werbekampagnen, die die Pro Infirmis je lanciert hat...

...

...also vorausgesetzt natürlich, die Organisation hat bei der Buchung dieser Werbeflächen die selben Gedankengänge unternommen, wie ich gerade.

Update vom 12. März 2019

Vor etwa einer Woche wurde die Güselwagen-Werbung wieder gesichtet und es gab erneut einige Beschwerden. Im Unterschied zu den Vorjahren gab Pro Infirmis bekannt, sich um die Sache zu kümmern. Heute verkündete die Organisation, dass die Werbung entsorgt worden ist. Es bestätigt meinen Eindruck, dass mit dem Wechsel in Fundraising und Direktion ein positiver Kulturwandel bei Pro Infirmis eingesetzt hat. Das freut mich sehr!
___

Siehe auch


«Wir schaffen Behinderung ab» – Liebe Pro Infirmis, wie soll diese Werbung verstanden werden? - Artikel auf "etwasanderekritik"

Ziemlich clever: Pro Infirmis bucht Werbefläche auf Müllwagen. - Konversation auf Twitter

Freitag, 25. September 2015

Wahlen 2015: Was braucht die Schweiz?

Mohammed A. ist es mit seiner poliobedingten Gehbehinderung irgendwie gelungen, aus Eritrea in die Schweiz zu fliehen. In seiner Person vereinen sich gleich zwei Feindbilder, die in den letzten Jahren von JournalistInnen und PolitikerInnen aus sämtlichen grossen Parteien zielsicher kultiviert wurden. So verwundert es denn auch nicht, dass die Mitte Mai angekündigte Ausweisung dieses Mannes bei den LeserInnen von Newsnet nur zustimmende Reaktionen ausgelöst hat.

Was dieser Hilfesuchende verbrochen hat? Nun ja, er hat Hilfe gesucht. Das ist etwas, was bei einigen Menschen für mehr Empörung zu sorgen scheint, als ein Gewaltverbrechen. Diesen Eindruck hatte ich zumindest, als ich Anfang Juli im Zürcher Oberländer einen Artikel mit der Überschrift "Strafe gegen Walliseller IV-Rentner verschärft" las. Der Mann wurde für die Vergewaltigung seiner Verlobten zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seine IV-Rente hatte mit der Geschichte absolut nichts zu tun.

Dieses kuriose Rechtsempfinden prägt seit über zehn Jahren die politische Agenda unseres Landes: Hilfesuchende abzuwehren oder davor abzuschrecken, überhaupt Hilfe zu beantragen, ist das verbindende Leitmotiv von allen jüngeren Sozial-Reformen.

Dieser Kulturwandel zeigt Wirkung: Mittlerweile bezieht jeder sechste von der IV abgewiesene Versicherte zwei Jahre später Sozialhilfe. Wie viele es nach fünf Jahren sind, weiss man nicht. - Was daran liegen könnte, dass man es nicht wissen will. Und jeder sechste Mensch, der sich in unserem Land das Leben nimmt, tut dies, weil er keine Arbeit hat. Im Jahr 2000 war es gerademal jeder zehnte.

Beinahe abstrus wirken da die empörten Reaktionen auf die jüngste Forderung einer sich als christlich-demokratisch bezeichnenden Partei, Asylanten in die unbezahlte Zwangsarbeit zu schicken. Der Arbeitsversuch für IV-RentnerInnen und die Workfare-Programme für Sozialhilfebeziehende unter Androhung von Leistungskürzungen untergraben das Arbeitsrecht auf die selbe Weise und sind unlängst Realität. "Eingliederung vor Rente" und "Fördern und Fordern" lauten die Parolen. "Arbeit macht frei" wäre politisch inkorrekt. Was menschlich korrekt ist, ist nicht von Belang.

Was uns als Kampf gegen jene verkauft wird, die es angeblich nur auf unsere Brieftasche abgesehen haben, dient bei näherer Betrachtung nur der Degradierung des Menschen zu einer Legehenne, deren Wert und Daseinsberechtigung nicht von unveräusserlichen Grundrechten garantiert wird, sondern von der Anzahl und Grösse der Eier abhängt, die sie legen kann.

Anstatt unsere Meinung mittels Smartvote zu vermessen und dann jenem Kandidaten unsere Stimme zu geben, der sich dieser am besten anbiedert, sollten wir lieber kritisch hinterfragen, auf welchen Wegen und zu welchen Zwecken man unsere Meinung beeinflusst. Ich glaube, was wir am dringendsten brauchen, ist eine gesunde Selbstreflektion.

David Siems, selbstbestimmung.ch

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Hintergrund


Der obige Text sollte eigentlich im Strassenmagazin Surprise erscheinen. Anfang August wurde ich von der Redaktion angefragt, ob ich mich mit einem Gastbeitrag an der Sonderausgabe zu den National- und Ständeratswahlen beteiligen wolle. Diese würde dann in der Wandelhalle des Bundeshauses aufliegen. Das Thema des Beitrages würde "Was braucht die Schweiz?" lauten. Als mediengeile Schlampe verfasste ich natürlich sofort einen Text, in dem ich versuchte, eine Brücke zwischen der aktuellen Flüchtlingskrise und der Behindertenpolitik zu schlagen.

Etwa eine Woche nach Redaktionsschluss erhielt ich so zu sagen das "Gut zum Druck" mit einigen winzigen Korrekturen. weitere fünf Tage später kam dann plötzlich eine Mail mit dem Hinweis, dass mein Text noch einmal "markant" bearbeitet worden sei. Obwohl ich mich an die Vorgabe der Redaktion gehalten hatte, war der Text nun plötzlich zu gross. Von meinem Text war nicht mehr viel übrig. Eigentlich nur das übliche hilf- und substanzlose Rumgejammere, welches man so schon zichfach andernorts gehört und gelesen hat. Das hat mich denn auch ein wenig stutzig gemacht: Es waren just die provokativen Aussagen, die entfernt worden waren.

Ich reichte daraufhin einen Gegenvorschlag mit moderateren Kürzungen ein und erklärte, dass ich im Zweifelsfall lieber nicht im Surprise erscheinen möchte, als mit einem Text, der im Prinzip nichts aussagt und mein Profil schwächt. Nun erhielt ich die definitive Absage. Diesmal lautete die Begründung, dass mein Text "zu wenig fokussiert" sei.

Ich hatte das miese Gefühl, von der Redaktion zensiert worden zu sein. Dementsprechend hatte ich dann auch gar keine Lust, mir die fragliche Surprise-Ausgabe durchzulesen. Das hätte ich mal besser tun sollen. Dann hätte ich nämlich gemerkt, dass die Redaktion absolut ehrlich zu mir war: Der Künstler und Leiter des Zentrums für politische Schönheit, Philipp Ruch, wurde nämlich ebenfalls für ein Statement angefragt. Sein Beitrag war tatsächlich wesentlich kürzer und fokussierter als meiner. Er bestand nämlich nur aus folgenden zwei Sätzen:

"Tötet Roger Köppel! / Köppel Roger tötet!"


- Mal so nebenbei: Wäre es nicht einfacher und kostengünstiger, die bevorstehenden Wahlen abzusagen und die SVP gleich zur Siegerin zu erklären?

___

Siehe auch


Trotz einer Lähmung wird Mohammed A. ausgeschafft

Strafe gegen Walliseller IV-Rentner verschärft

Nach IV-Nein: Jeder Sechste lebt von Sozialhilfe

Jeder siebte Suizid in der Schweiz wegen Arbeitslosigkeit

CVPler wollen Bargeld-Verbot und Arbeitszwang für Asylsuchende

Staatssender gibt Wahlempfehlungen ab

"Tötet Roger Köppel"

Donnerstag, 24. September 2015

Selbstcoaching: Wege zu mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität

Selbst-Coaching


Unser Thema

Selbstcoaching ist eine Methode, um das eigene Leben vermehrt gemäss den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Für Frauen, die mit einer Behinderung leben oder als  Angehörige mitbetroffen sind, kann es dabei um die unterschiedlichsten Themen gehen: Selbstbestimmung,  Zusammenleben, Frei räume schaffen, körperliches und psychisches Wohlbefinden, Umgang mit hohen Anforderungen, Klärung von wichtigen Fragen im Beruf oder Alltag, Entscheidungsfindung... Die Palette an möglichen Themen ist so viel fältig wie das Leben.

Unsere Ziele

Mit Selbstcoaching finden wir heraus, was wir wirklich wollen und wie wir Ressourcen besser nutzen können. Unsere Ziele sind letztlich mehr Unhängigkeit, Achtsamkeit und Lebensqualität.

Wie wir arbeiten

Wir arbeiten im Plenum und in Kleingruppen. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf bewährten Methoden des Selbstcoaching, angewandt auf die von den Teilnehmerinnen gewünschten Themen.  Daneben bleibt Zeit für den Austausch mit anderen betroffenen Frauen in einer angenehmen Umgebung.

Wer ist angesprochen?

Angesprochen sind Frauen jeden Alters mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit sowie Frauen, die als Angehörige mitbetroffen sind (Mutter, Tochter,  Schwester, Partnerin). Die Art der Beeinträchtigung ist unerheblich, die Teilnehmer innen sollten jedoch selbstständig in einer Gruppe kommunizieren können.

Organisatorisches

Datum: 24.– 25. Oktober 2015
Beginn: Samstag, 10.30 Uhr
Ende: Sonntag, 16.00 Uhr
Ort: Seminarhotel Sempachersee 6207 Nottwil www.dasseminarhotel.ch

Kosten für das ganze Wochenende

im Einzelzimmer mit Dusche/WC: Fr. 260.–* / Fr. 310.–
im Doppelzimmer mit Dusche/WC:  Fr. 230.–* / Fr. 280.–
Nur Seminar 2 Tage, mit Mittagessen: Fr. 130.–* / Fr. 170.–

*Preis für Mitglieder von avanti donne / avanti girls

- Preis pro Person. Inbegriffen:  Kurskosten, Begrüssungskaffee   und Pausenverpflegungen, 1 Übernachtung mit Vollpension,   Mittagessen am Sonntag
- Kostenreduktion für Frauen mit kleinem Budget auf Anfrage   möglich (bitte Mail an die Kontaktstelle senden)
- Assistentinnen bezahlen den halben Preis

Unser Hotel

Das Seminarhotel liegt in unmittelbarer Nähe des Sempachersees und ist über Luzern oder Sursee bequem mit ÖV erreichbar. Die Hotelanlage ist modern gestaltet, bietet Viersterne-Komfort und rollstuhlgerechte Zimmer.

Anreise am Freitagabend

Es ist möglich, schon am Vorabend anzureisen. Eine zusätzliche Übernachtung mit Abendessen und Frühstück am Samstag kostet je nach Zimmertyp zwischen Fr. 120.– und 140.–

Anmeldebestätigung

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Sonntag, 20. September 2015

Irland: Protestierende fordern die Regierung dazu auf, sich für die Kürzungen zu rechtfertigen: "Wir werden unselbständig gemacht"

Antoinette Norris hat sich in den 18 Jahren, in denen sie ihre schwer behinderte Tochter gepflegt hat, zahlreiche Fähigkeiten erarbeitet. Aber mittlerweile hat sie das Gefühl, in der Zeit zurückversetzt worden zu sein.

"Wir machen Rückschritte", sagt die fünffache Mutter seufzend. "Vor vielen Jahren hat man zwar von Menschen mit Behinderungen gehört, sie aber niemals gesehen, weil sie vor der Gesellschaft versteckt worden sind. Das passiert jetzt wieder."

Sie spricht von ihrer Tochter Demi, die seit drei Wochen ohne eine Beschäftigung und ohne die für ihr Wohlbefinden notwendigen Therapien zu Hause festsitzt.

Demi hat das Cohen-Syndrom, ist kaum mobil, kann sich nicht verbal ausdrücken und benötigt Pflege rund um die Uhr. Sie besuchte die St. Michael's Special School in Ballymun, Dublin. Aber im April ist sie volljährig geworden und wurde daher auf das neue Schulsemester hin dem Erwachsenen-Service zugeteilt.

Als sie ihren Platz im Erwachsenenbildungs-Zentrum für Menschen mit Behinderung einnehmen wollte, gab es plötzlich keinen Transportdienst mehr für sie.

"Das Zentrum ist eine 45-minütige Busreise von uns entfernt und ich habe auch noch andere Kinder, darunter mein Jüngster, der autistisch ist. Daher kann ich Demi nicht selber dorthin bringen.", erklärt Antoinette.

Ein gemeinnütziger Fahrdienst, welcher über umgebaute Taxis verfügt, hat ihr ein Angebot gemacht. Aber die Gebühren würden sich auf 95 Euro pro Woche belaufen. "Ich bin eine alleinerziehende Mutter, die von Sozialhilfe lebt. Ich bin sehr gut im budgetieren, aber Wunder vollbringen kann ich nicht.", sagt sie.

Antoinette sagt, dass Demi ebenfalls Rückschritte macht. "Sie konnte selbständig auf die Toilette gehen, aber mittlerweile macht sie wieder in die Windeln. Sie braucht ihre Physiotherapie und ihre Logopädie und die Stimulation durch eine Gruppe. Ich muss dabei zusehen, wie sie sich Woche für Woche zurückentwickelt."

Antoinette und Demi standen gestern vor dem Regierungsgebäude und unterstützten eine kleine aber fest entschlossene Gruppe von Protestierenden der Behindertenorganisationen "Inclusion Ireland", "Centre for Independent Living" und dem "AT Network", welche die Regierung dazu auffordern, ihre Versprechungen einzulösen und das Unterstützungssystem für Menschen mit Behinderungen zu reformieren.

Einige der Protestierenden haben die vorherige Nacht auf dem Fussweg campiert, um Taoiseach (Titel des irischen Regierungsoberhauptes) Enda Kenny vor dem Meeting seines Kabinetts empfangen zu können.

Ihr Ziel bestand darin, den Schmerz aufzuzeigen, der durch die Jahre der Leistungskürzungen in der Entlastungspflege, den Fahrdienstpauschalen und anderen Diensten verursacht wurde. Ausserdem wollte man ihn daran erinnern, dass das Regierungsprogramm den Wechsel hin zu einer subjektorientierten Finanzierung der Hilfestellungen für Menschen mit Behinderungen versprochen hat. Dies hätte den Betroffenen erlaubt, selber zu entscheiden, welche Unterstützung sie benötigen und wie sie das ihnen zur Verfügung gestellte Geld ausgeben möchten.

Die Nachricht, wonach 450 Mio Euro in den Umbau von Behindertenheimen investiert werden soll, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. "Das inkludierte Leben in der Gemeinschaft ist die zeitgemässe Wohnform, aber dafür ist kein Geld vorhanden, weil man es lieber in die stationäre Pflege steckt.", sagt die 62-jährige Ann Kennedy, die Mitochondriopathie hat und einen Rollstuhl benutzt.

"Die treiben Menschen, die selbstbestimmt leben könnten in die institutionalisierte Pflege. Diese ist unheimlich, ein Heim ist keine normale, natürliche Umgebung für jemanden, der an der Gesellschaft teilhaben und sein Leben geniessen möchte.

Wir wollen persönliche Assistenz, sodass wir selber bestimmen können, wann wir aufstehen, was wir machen und wie wir uns fortbewegen. Man schreibt uns vor, welche Art von Pflege wir bekommen und wann wir sie bekommen. Wir werden unselbständig gemacht."

Ann teilt ihre Behinderung und ihre Frustration mit ihrer Zwillingsschwester Margaret. Die beiden sind Stammgäste and Protestkundgebungen, an denen sie flotte pinke Hüte tragen, welche drapiert sind mit Bändchen und Blumen. Sie lassen sich von ihren Rollstühlen nicht zurückhalten.

"Ich weiss, dass wir sehr auffallen, wenn wir mit unseren Hüten und Plakaten protestieren, aber diese Situation zersetzt unsere Zuversichtlichkeit und unser Selbstwertgefühl", sagt Ann. "Es bringt dich dazu, dich wertlos zu fühlen."

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Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: Irish Examiner