Montag, 6. Februar 2017

Kanada ist ein Traum in Sachen progressiver Einwanderungs-Politik - Es sei denn, du hast eine Behinderung

Das Land ist nicht so grosszügig, wenn Einwanderer oder ihre Kinder die staatlichen Ressourcen "übermässig belasten" könnten.

Es ist kein Geheimnis, dass viele progressive US-Amerikaner Kanada als ein Utopia des Nordens idealisieren. Jeder hat eine Krankenversicherung, gleichgeschlechtliche Ehen wurden zehn Jahre früher als in den USA eingeführt, und das Land hat einen reizenden, linken Premierminister (inklusive Tätowierung und Literatur-Abschluss). Nachdem US-Präsident Trump die Einreise von Flüchtlingen, Einwanderern und Touristen von sieben überwiegend muslimischen Ländern eingeschränkt hatte, twitterte Premierminister Trudeau: "An all jene, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen: Kanada wird euch willkommen heissen, egal woran ihr glaubt. Vielfalt ist unsere Stärke #WelcomeToCanada." Die Liberalen gerieten daraufhin kollektiv ins Schwärmen.

Das Problem ist, dass Kanadas Einwanderungspolitik nicht ganz so traumhaft ist, wie einige US-Amerikaner vielleicht denken. Sie schliesst Menschen mit Behinderung bereits seit Jahrzehnten praktisch aus: Gemäss dem Kanadischen "Immigration and Refugee Protection Act" (Einwanderungs- und Flüchtlingsgesetz) können Ausländer abgewiesen werden, wenn davon ausgegangen werden kann, dass sie das Gesundheits- oder Sozialwesen erheblich belasten würden. Das bedeutet, dass Familien abgewiesen werden können, wenn sie gehörlose Kinder haben und Ehepartner können abgelehnt werden, weil sie einen Rollstuhl benutzen. Diese Praxis ist sogar schärfer als das schwierige Zuwanderungssystem der USA.

Es ist nicht bekannt, wie viele Migranten mit Behinderung von Kanada abgewiesen werden. Die meisten abgewiesenen haben nicht die finanziellen Mittel, um Rekurs einzulegen und nur wenige Fälle schaffen es in die Medien.

Im Jahr 2000 wurde dem Multimillionär David Hilewitz und seinem Sohn Gavin die Zuwanderung aus Süd Afrika verwehrt, weil Gavin eine leichte Entwicklungsstörung hat. Die Deutsche Angela Chesters, die mit einem Kanadier verheiratet ist, bekam keine unbefristete Aufenthaltsbewilligung, weil sie Multiple Sklerose hat. Die Familie Chapman aus Grossbritannien wurde 2008 an einem kanadischen Flughafen an der Einreise gehindert, weil ihre Tochter einen Gendefekt hat. Die niederländische Familie DeJong durfte nicht einwandern, weil ihre Tochter eine leichte intellektuelle Behinderung hat. Der Costa Ricaner Felipe Montoya sollte an einer Universität in Toronto unterrichten, doch seine Familie durfte nicht übersiedeln weil sein Sohn das Down Syndrom hat. 2015 verweigerten die Behörden Maria Victoria Venancio die medizinische Versorgung und versuchten sie abzuschieben, nachdem sie zur Paraplegikerin geworden war.

Gemäss dem kanadischen Professor für Sozialarbeit und Behinderten-Rechts-Aktivist Roy Hanes dominiert diese Praxis das Einwanderungswesen, obwohl das Gesetz Menschen mit Behinderung gar nicht explizit vom Recht auf Einwanderung ausschliesst. Potentielle Einwanderer müssen medizinische und psychologische Untersuchungen über sich ergehen lassen, um zu beweisen, dass ihre Körper und Geisteszustände nicht zur Bürde für Kanadas sozio-ökonomische Struktur werden. Hanes schrieb in einer Abhandlung über das kanadische Einwanderungsrecht, dass diese Politik es Menschen mit Behinderung "extrem erschwert" die kanadische Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Hanes führt aus, dass diese Politik der Ausgrenzung aus der veralteten Vorstellung entstanden ist, dass Menschen mit Behinderung keine produktiven Mitglieder der Wirtschaft seien, weil sie zu viele Ressourcen verbrauchen würden. "Die weit zurückreichenden Bedenken drohender sozialer Abhängigkeit ist bis heute eines der Haupthindernisse für Menschen mit Behinderung. Es scheint, dass Menschen mit Behinderung nach wie vor danach beurteilt werden, was sie nicht tun können und nicht anhand ihrer Fähigkeiten.", heisst es in seiner Abhandlung. "Die Einwanderungsgesetzgebung basiert auf ökonomischem "Utilitarismus" und Menschen mit Behinderung schneiden sehr schlecht ab, wenn man ihre Fähigkeiten nur unter dem Aspekt der ökonomischen Produktivität berücksichtigt."

Einige Wissenschaftler vertreten den Standpunkt, dass diese behindertenfeindliche Einwanderungspolitik gegen die kanadische Verfassung verstossen könnte, ganz zu schweigen von der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Trotz der Möglichkeit einer zukünftigen Reform - derzeit ist ein Bundesgesetz über Barrierefreiheit in Arbeit, welches auch Auswirkungen auf die Einwanderung haben könnte - ist diese diskriminierende Politik gemäss Global Disability Watch "tief verwurzelt" und es gibt "keine Anzeichen für eine Verbesserung." Die Gruppe fügt hinzu, dass Kanadas Einwanderungspraxis zeigt, "wie man ein behinderten-freies Land aufbaut."

Unter dieser Politik verborgen liegt die Annahme, geboren in der widerlichen Ehe zwischen Eugenik und westlichem Kapitalismus, dass ein Mensch an Wert verliert, sobald er kein "produktives" Mitglied der Gesellschaft sein kann. Der Wert wird bestimmt durch den Beitrag an einen Profit, durch Unabhängigkeit und durch die Fähigkeit, seinen Beitrag zu leisten. Natürlich ist die Annahme, dass irgendjemand wirklich unabhängig sein kann, oder dass wir fähig wären, ohne einander zu überleben, ist ein reiner Mythos. Aber es ist ein zentraler Pfeiler der Geschichte des westlichen Kapitalismus - und Kanada umarmt diesen Pfeiler, wenn es um Migrationsfragen geht.

In den Vereinigten Staaten müssen sich angehende Einwanderer ebenfalls medizinisch und psychologisch untersuchen lassen, hauptsächlich um sicherzustellen, dass sie keinen Schaden anrichten oder Verbrechen begehen. Das US-amerikanische System verdient reichlich Kritik, aber Behindertenaktivisten auf beiden Seiten der Grenze sind sich einig, dass die kanadische Einwanderungspolitik in dieser Hinsicht wesentlich restriktiver ist. Ja, Trump denkt sich neue Restriktionen für Einwanderer aus, währendem Kanada seine Offenheit bewirbt. Aber wie viele Asylsuchende, die in der Annahme Schutz zu bekommen von den USA aus nach Kanada ausweichen, werden dort abgewiesen, weil sie eine Behinderung haben? Idealisieren wir kein Land, dass an der ableistischen, in der Eugenik verwurzelten Idee festhält, , dass irgend ein Mensch eine "übermässige Belastung" darstellt.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The Washington Post

Freitag, 3. Februar 2017

S-Bahn nur bis 17.30 Uhr in Freiburg

Kommentar zum Artikel "Ein Bahnhof für den ganzen Kanton", FN vom 22. Dezember 2016

Die meisten haben wohl schon mal auf der SBB-Homepage eine Zugverbindung gesucht. Wählen Sie die S20 von Murten nach Fribourg/Freiburg um 18.01 Ihr aus, werden Sie staunen, sobald der Button „barrierefreie Verbindung“ gedrückt ist. So sitze ich fassungslos vor dem durchgestrichenen Rollstuhlzeichen samt lapidarem Hinweis, dass im Bahnhof Freiburg keine Beförderung möglich sei – sprich die ganze Zugfahrt unmöglich ist.

Neben mir liegt gleichzeitig die FN mit der freudigen Nachricht, dass bald der Halbstundentakt auf der Linie Freiburg-Murten möglich wäre und viele Millionen Franken für die Anpassungen der TPF-Bahnhöfe zur Verfügung stehen. Was geschieht aber im Kantonshauptort-Bahnhof Freiburg, damit auch RollstuhlfahrerInnen die S-Bahn nutzen können? In meinem Maileingang teilt mir Herr Regierungsrat Ropraz seine Zuversicht mit, dass die S-Bahn Perrons 1 und 3 etwas früher als Dezember 2023 an die Vorgaben des Bundesgesetzes über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (BehiG) angepasst werden können. Provisorische Übergangslösungen wie Faltrampen oder Buckel auf dem Perron seien nicht möglich. Hallo, in welchem Jahrhundert leben wir?

Ich danke auf diesem Weg nochmal dem verständnisvollen Lokführer der TPF, der mir das letzte Mal rasch den Einstieg via Mobillift ermöglicht hat und den Reisenden mit Muskelkraft, welche angepackt haben, um den 120kg E-Rollstuhl plus mir am Abend aus der S-Bahn herauszuholen. Vielleicht findet sich ja doch noch eine Lösung. Fröhliche friedliche Weihnachten!

Freundliche Grüsse

Katharina Thomas

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Einweihungsfeier: Erstes barrierefreies Frauenhaus in der Schweiz

Seit Jahren macht Avanti Donne darauf aufmerksam: Frauen mit Behinderungen sind allen Formen von Gewalt deutlich häufiger ausgesetzt als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Dessen ungeachtet gab es in der Schweiz bis jetzt kein barrierefreies Frauenhaus. Öffentliche Schutzangebote müssen jedoch für alle zugänglich sein. Dies verlangt sowohl das Behindertengleichstellungsgesetz als auch die UNO-Behindertenrechtskonvention.

Pionierarbeit in Chur
Das Frauenhaus Graubünden in Chur hat nun Pionierarbeit geleistet und mit Studierenden der Fachhochschule das Projekt «Barrierefreies Frauenhaus» erarbeitet. Infrastruktur (inklusive Webseite mit Informationen in leichter Sprache) und Beratungsangebote wurden für verschiedene Sinnes- und Körperbehinderungen angepasst; auch rollstuhlfahrende Frauen und Kinder finden nun Schutz, Unterkunft, Begleitung und Beratung.

Einladung zum Eröffnungsfeier
Zur Eröffnungsfeier am Samstag, 3. Dezember, im Brandisaal in Chur sind alle herzlich eingeladen. (17–20 Uhr, Brandistrasse 12, 7000 Chur; 6 Gehminuten von Bahnhof).
Auf dem Programm stehen unter anderem ein Konzert von La Triada und eine Kunstauktion zugunsten des Frauenhauses. Mehr Infos auf www.frauenhaus-graubuenden.ch

Gewalt wirksamer bekämpfen
Wir vom Netzwerk avanti donne freuen uns über diesen Schritt und danken dem Team für das Engagement. Andere Frauenhäuser sind aufgerufen, es dem Frauenhaus Graubünden gleichzutun.

Ebenso muss Gewalt auf allen Ebenen wirksamer bekämpft werden, indem Frauen und Mädchen (und auch Männer und Jungen) mit Behinderung in alle Präventions- und Schutzmassnahmen einbezogen werden. Hier gibt es noch viel zu tun. Danke an alle, die unsere Arbeit unterstützen!

Mit den besten Wünschen für friedvolle und besinnliche Festtage:


Angie Hagmann, Geschäftsleiterin

Freitag, 28. Oktober 2016

10vor10-Serie: Burghölzli

Mit 250 Betten ist die grösste Psychiatrische Klinik der Schweiz die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, das "Burghölzli". 5000 Menschen mit psychischen Krankheiten werden dort jedes Jahr behandelt. Erster Teil einer Reportage-Serie, die Einblick gibt in eine Welt, die Aussenstehenden meist verschlossen bleibt.



Beim Wort Psychiatrie kommen einem Horrorbilder in den Sinn - wie im Kinofilm «einer flog übers Kuckucksnest»: Patienten festgebunden oder zugedröhnt mit Medikamenten. In der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, geht es jedoch ganz anders zu.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Happy Radio On Air!

Medienmitteilung vom 31. Mai 2016


Seit 2012 bietet die Radioschule klipp+klang, in Zusammenarbeit mit dem insieme Bildungsklub Aargau, Radiokurse für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung an. Die Teilnehmenden erlernen praxisbezogen radiojournalistische Grundkenntnisse und gestalten zusammen eine Radiosendung. Der Name "Happy Radio" stammt von einem Kursteilnehmer: "Radio macht uns glücklich. Darum passt dieser Name".

Die Redaktion Happy Radio


Die Redaktion Happy Radio besteht aus erfahrenen Teilnehmern aus dem Aargauer Bildungsklub-Kurs. In der Redaktion können sie ihrer Leidenschaft „Radio“ vertiefter nachgehen und sich in Bereichen, die ihnen entsprechen, weiterbilden. Sei es das digitale Editieren, Moderation oder Studiotechnik. Dank der kontinuierlichen Radioarbeit können die Kompetenzen und Ressourcen der Teilnehmenden aufgebaut und gefördert werden. Die Radiomacher Dölf Keller, Kurt Hofer, Silvio Rauch und Peter Estermann bilden das Kernteam der Redaktion Happy Radio. In Begleitung von der Radioschule klipp+klang erarbeiten sie seit Oktober 2015 monatlich eine Radiosendung, welche auf Radio Kanal K ausgestrahlt wird. Im Zentrum der Realisierung dieses Projektes stehen die Partizipation, Selbstbestimmung und Integration von Menschen mit einer Behinderung.


Die letzte Sendung vor der Sommerpause


Die Redakteure beschäftigen sich in der Sendung vom 25. Juni mit dem Thema Naturschutz. Sie erfahren von Sonja Zürcher, Geschäftsführerin von WWF Aargau, warum der Regenwald in Gefahr ist. Ausserdem spricht die Redaktion Happy Radio mit Menschen mit Lernschwierigkeiten, welche eine Ausbildung zur Selbstvertretung absolviert haben. Wie setzte ich mich für meine Rechte ein? Wie kann ich in der Gesellschaft meine Bedürfnisse vertreten? Für solche Fragen sind SelbstvertreterInnen Experten!

Die Happy Radio Hörlounges im Juni


Wer die Sendungen in Anwesenheit der Radiomachenden anhören möchte, ist herzlich zur Hörlounge eingeladen. Die Hörlounge der Redaktion Happy Radio am 25. Juni, ab 17.30 Uhr in der Gelateria Gwundertüte in Wettingen.

Sendung anhören: Samstag, 25. Juni 2016, 18 bis 19 Uhr auf Radio Kanal K
Lokal über UKW: 94.9 MHz, 92.2 MHz und 103,4 MHz
Auf DAB+ im Grossraum Zürich
Webstream: kanalk.ch

Kontakt: Daniela Hallauer, daniela.hallauer@klippklang.ch, 044 242 00 31/ 076 469 54 91

Siehe auch


Happy Radio