Junge Arbeitssuchende, die dazu gezwungen wurden 13 Wochen lang unbezahlt zu arbeiten haben keine besseren Chancen am Ende einen Job zu bekommen, als diejenigen, die die Teilnahme am Workfare-Programm verweigern.
Der britische Arbeitsminister Iain Duncan Smith möchte sein Workfare-System im ganzen Land etablieren, aber eine Untersuchung des in London angesiedelten Probelaufes zeigt, dass es nicht viel nützt.
Nur 25% jener Leute, die das Workfare-Programm komplett durchlaufen haben, finden danach einen Job
Das Workfare-System zwingt junge Leute mit weniger als sechs Monaten Berufserfahrung dazu, bei einem 13 wöchigen Workfare-Programm mitzumachen, um Arbeitslosengeld beanspruchen zu können. Es wird angenommen, dass junge Leute in dieser Zeit ihre Arbeitsfähigkeiten verbessern können, aber wie dieser Bericht zeigt, zahlen sich Workfare-Platzierungen für die Betroffenen auf dem Arbeitsmarkt nicht notwendigerweise aus.
Nur ein Viertel jener Leute, die ein 13 wöchiges Workfare-Programm komplett durchlaufen haben, finden danach einen Job. Die Mehrheit von ihnen hat in gemeinnützigen Brockenstuben gearbeitet.
Von denjenigen, die sich nicht am Workfare-Programm beteiligt haben, fanden 44% einen Job. Sogar diejenigen, die ihr 13-wöchiges Workfare-Programm vorzeitig abgebrochen haben, kamen besser weg: 60% von ihnen haben eine Anstellung gefunden. Die Untersuchung gibt nicht im Detail wieder, warum die Leute das Programm abgebrochen haben, aber es ist anzunehmen, dass einige von ihnen es getan haben, weil ihre Stellensuche erfolgreich war.
Ältere, erfahrenere Jugendliche haben unabhängig davon, ob sie an Workfare-Programmen teilgenommen haben oder nicht, Arbeit gefunden.
Eine wichtige Feststellung der Untersuchung besteht darin, dass die älteren, 21- bis 24-Jährigen Arbeitslosen unter den Jugendlichen, welche bereits etwas Berufserfahrung vorweisen können, bessere Chancen auf einen nachhaltigen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt haben - unabhängig von der Beteiligung an Workfare-Programmen.
Alles in allem haben 45% der Leute, die bei einem Workfare-Programm angefangen haben, einen Job gefunden. 44% jener Leute, die die Teilnahme an einem solchen Programm von Anfang an verweigert haben, haben ebenfalls Jobs gefunden. - Ja, da gibt es eine Differenz, aber sie beträgt lediglich 1%.
Das Scheitern dieses Probelaufs ist ein schwerer Schlag für die Politik der Konservativen
Das Workfare-Programm "Day One Support for Young People Trailblazer" der Regierung lief ab November 2012 während acht Monaten. Aber Evaluationsbericht und Analyse des Arbeits- und Rentenministeriums wurden erst letzten Monat veröffentlicht - und stellen nicht gerade eine uneingeschränkte Vertrauensbekundung dar.
Die Resultate wurden zuerst auf politics.co.uk journalistisch aufgearbeitet, wo Adam Bienkov feststellte: "neither City Hall nor the DWP seem very keen to highlight the findings of this report, with no mention at all to be found on City Hall's website in the past month." Deutsch: "Weder das Londoner Bürgermeisteramt, noch das Arbeitsministerium scheinen besonders scharf darauf zu sein, die Ergebnisse dieser Untersuchung ins Rampenlicht zu setzen, da sie auf der Webseite der Stadt London im letzten Monat mit keinem Wort erwähnt wurden."
Die Statistiken stammen aus einer unabhängigen Analyse von TNS BMRB, einem renommierten britischen Marktforschungsinstitut.
Die Hälfte der jungen Arbeitssuchenden verweigerten die Teilnahme und wurden sanktioniert
Fast die Hälfte (47%) der arbeitslosen jungen Leute, denen die 13 Wochen unbezahlte Arbeit angeboten wurden, haben nicht teilgenommen. Sie haben sich entweder von vornherein dazu entschlossen, auf ihr Arbeitslosengeld zu verzichten, oder sind am ersten Tag ihres Einsatzes einfach nicht aufgetaucht und wurden mit Sanktionen bestraft.
In einem Fall wurde ein Nicht-Starter mit Sanktionen bedroht, als er am ersten Tag seines Workfare-Einsatzes nicht erscheinen konnte, weil er ein Vorstellungsgespräch hatte! "Es war ein Bisschen merkwürdig", erzählte er den Interviewern von TNS, "Ich musste am nächsten Tag zu einem Vorstellungsgespräch und die haben mir gesagt, ich müsse absagen, oder man würde mich bestrafen."
Von den meisten jungen Leuten wurde erwartet, dass sie ihr Workfare-Programm innerhalb von zwei Tagen beginnen
Die Hälfte der Befragten empfanden den Start des Programmes als zu kurzfristig und zwei Drittel empfanden den Zeitaufwand (30 Stunden pro Woche, lange Pendelzeiten nicht mit einberechnet) als so gross, dass er für die Suche nach bezahlter Arbeit hinderlich gewesen sei.
"Ich habe keine Zeit, um mich für Stellen zu bewerben"
Ein Antragsteller, der das 13-wöchige Programm abgeschlossen hat, meinte: "Während dem Programm hatte ich keine Zeit mich für Stellen zu bewerben, weil ich darauf fokussiert war, früh genug aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Und als ich abends nach Hause kam, war ich viel zu müde... Das hat meine Chancen auf einen Job verringert."
Mehr als die Hälfte derjenigen, die zu einem Workfare-Anbieter kamen, hatten das Gefühl, dass ihre Platzierung nicht zu ihnen passte.
Aber das Arbeitsministerium denkt immer noch, dass es funktioniert
Aber die Auswirkungseinschätzung des Arbeits- und Rentenministeriums kam zum Schluss, dass das Workfare-Programm die Zahl der Antragssteller unter den 18 bis 24-Jährigen um 11% reduziert hat. Ausserdem sei die Beschäftigungsquote bei den jungen Leuten während acht Wochen um atemberaubende 0,8% gestiegen. So that's alright then.
Datenquelle: Evaluation of the "Day One Support for Young People Trailblazer", United Kingdom - Department for Work & Pensions
Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: mirror.co.uk
Siehe auch: Stichwort "Workfare" auf selbstbestimmung.ch
Sonntag, 14. Dezember 2014
Montag, 8. Dezember 2014
Mark Zumbühl, Pro Infirmis: "Wir hätten keinen Einfluss mehr nehmen können"
Im Zusammenhang mit der aktuellen Kampagne "#IchBinLeer" der Pro Infirmis, tauchte von verschiedenen Seiten her die Frage auf, warum die PI dabei nicht mit der auf das Thema psychische Krankheiten spezialisierten Stiftung Pro Mente Sana zusammengearbeitet habe. Mark Zumbühl, Mitglied der Geschäftsleitung der Pro Infirmis, nimmt dazu wie folgt Stellung:
"Wir wurden im Frühjahr 2014 von PMS angefragt, ob wir uns an der Kampagne "Wie geht's dir" beteiligen wollen. Damals lag die PMS-Kampagne aber bereits pfannenfertig vor, sodass wir keinen Einfluss mehr hätten nehmen können, sondern uns nur noch am millionenschweren Budget hätten beteiligen können. Die erwähnte Kampagne entspricht aber nicht der Kampagnenkultur von Pro Infirmis, weshalb wir uns entschieden haben, uns nicht daran zu beteiligen. Überdies hatten wir zu diesem Zeitpunkt (Frühjahr 2014) bereits entschieden, auf den 3.12. eine eigene Kampagne zum Thema Psychische Behinderung zu starten. PI startet traditionsgemäss ihre Kampagnen immer am 3. Dezember (Int. Tag der Menschen mit Behinderung). Die Vorwürfe, wir wollten PMS das „Wasser abgraben“ (Kritik-O-Ton) in diesem Thema sind absurd."
Zum Vorwurf, die Pro Infirmis habe sich bislang kaum um die Belange von Menschen mit psychischer Behinderung gekümmert, sagt Zumbühl:
"Pro Infirmis führte 2005 schweizweit die Sozialberatung für Menschen mit psychischen Behinderungen ein. Später baute PI das Angebot in Richtung von finanzieller Direkthilfe und begleitetem Wohnen für diese Betroffenen aus. Zudem ist Pro Infirmis Dachorganisation weiterer regionaler Anbieter wie PSAG in Basel oder der Traversa in Luzern. Im laufenden Jahr beträgt der Anteil der psychisch Behinderten Menschen in der Arbeit von Pro Infirmis rund 30 %. Das heisst, jede dritte Person mit einer Behinderung in unserer Beratung, Begleitung und Unterstützung ist von einer psychischen Behinderung betroffen. Nachzulesen im Jahresbericht, der auf www.proinfirmis.ch aufgeschaltet ist.
Wir arbeiten überdies mit PMS eng zusammen, so zum Beispiel in einem Dokumentarfilm-Projekt mit dem Arbeitstitel „Psychische Erschütterung“, der im Herbst 2015 erscheinen wird.
Wir haben uns vor der Umsetzung unserer Kampagne intensiv mit Betroffenen und Fachleuten unterhalten, wie es sich für die grösste Fachorganisation im Thema Behinderung gehört. So ist der Monolog im Film eine praktisch 1:1-Wiedergabe von Aussagen eines schwer depressiven Mannes."
Zum Mailverkehr mit Marie Baumann von ivinfo hält Mark Zumbühl, alias "Herr X" fest:
"Ich habe grundsätzlich keine Probleme mit Kritik, c’est le ton, qui fait la musique."
Siehe auch:
Die neue Kampagne von Pro Infirmis (Pressemitteilung Pro Infirmis zum Kampagnen-Start)
Ein depressiver Zombie soll für Pro Infirmis die Marke stärken und die Kasse klingeln lassen (Kritik von ivinfo)
Kampagne "Wie geht's Dir?" (Hauptträger: Pro Mente Sana & Kanton Zürich)
Mittwoch, 12. November 2014
"Meine Zukunft gehört mir!" - 1. Schweizerische Konferenz für Mädchen und junge Frauen mit Behinderung
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| "Meine Zukunft gehört mir!" |
Willkommen!
«Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.»
So sagt es die Bundesverfassung der Schweiz. Damit sind auch Mädchen und Frauen mit einer Behinderung gemeint! Wir von avanti donne und avanti girls wollen mithelfen, dass alle Menschen mit Behinderung, ob Mädchen oder Junge, Frau oder Mann, so viele Chancen haben wie ihre nicht behinderten Kolleginnen und Kollegen.
Dieses Jahr feiern die avanti girls ihren 10. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht: eine eigene Konferenz für Mädchen und junge Frauen, die mit einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit leben. Die Konferenz findet an der Swiss Handicap-Messe am Samstag, 29. November 2014, in Luzern statt und trägt den Titel:
«Meine Zukunft gehört mir!»
Es geht also um dich – um deine Pläne, deine Wünsche und deine Träume! Bist du zwischen 13 und 26 Jahre alt? Dann melde dich noch heute an, alleine oder auch mit einer Freundin oder mit deiner Schwester. Ein tolles Programm erwartet dich/euch! Egal, welche Art von Handicap du hast: An der Konferenz triffst du andere nette Mädchen und Frauen mit Behinderung, und bestimmt findest du auch ein Thema, das dich gerade besonders bewegt.
Wir freuen uns auf dich!
Das OK von avanti donne & girls: Angie, Dominique und Jaelle
Was dich erwartet
13.00 Uhr Türöffnung im Forum 2 (Halle 1)
13.15 Uhr Los geht’s! – «Meine Zukunft gehört mir!» Begrüssung und Auftakt mit Jaelle Eidam, Vorstandsmitglied avanti donne, Bereich Junge Frauen
13.45 Uhr avanti donne und avanti girls: Ein Netzwerk auch für dich! Dominique Ruesch, Leiterin Bereich avanti girls
14.00 Uhr Themen-Posten mit Diskussionen und kreativen Arbeiten zu Fragen, die dich bewegen. Du kannst 1, 2 oder alle 3 Posten besuchen, ganz nach Lust und Laune. (Details siehe rechte Seite.)
16.15 Uhr Rückblick aus den Gruppen: Das nehme ich mit!
16.45 Uhr Bye-bye und auf Wiedersehen!
Die Themen-Posten
1. Schönheit und Gesundheit
Entdecke deine funkelnden Seiten! Wir betrachten uns selbst mit liebevollen Augen und tauschen Tipps und Tricks aus, wie wir unsere ganz persönliche Schönheit zur Geltung bringen können. In der Foto-Ecke kannst du von Profi-Fotografin Flavia Trachsel ein tolles Bild von dir machen lassen. Zusätzlich hast du an diesem Posten die Möglichkeit, Fragen zu deiner Gesundheit zu stellen.
2. Schule, Ausbildung und Beruf
Es läuft nicht immer rund in der Schule? Du weisst nicht, welcher Beruf zu dir passt? Die IV-Berufsberaterin oder der BIZ-Berater empfiehlt dir eine Ausbildung, die dich nicht wirklich anspricht? An diesem Posten bekommst du Infos und Tools, die dir helfen, deine berufliche Zukunft möglichst selbstbestimmt anzugehen. Auch kannst du mit anderen betroffenen Frauen Erfahrungen austauschen.
3. Freundschaft und Beziehung
Was macht eine gute Freundschaft oder Beziehung aus? Wie finde ich einen Freund/eine Freundin? Wie kann ich meine Gefühle ausdrücken? Wie meine Sexualität leben? Welche Rolle spielt meine Behinderung bei all dem? Gemeinsam suchen wir Antworten auf diese und andere Fragen rund ums Thema Freundschaft und Beziehung.
Wenn du zwischen den einzelnen Posten eine Pause brauchst, kannst du in der Bücher-Ecke stöbern, einen Film anschauen, an unserem Zukunfts-Gästebuch kreativ mitarbeiten oder dich am Geburtstagsbuffet erfrischen. Es ist für alle etwas dabei!
Organisatorisches
Konferenz: Die Zukunfts-Konferenz der avanti girls findet von 13.00 Uhr bis 17.00 Uhr im Forum 2 (F2, Halle 1, 1. Stock) der Swiss Handicap-Messe statt. Die Teilnahme an der Konferenz ist gratis!
Eintritt Swiss Handicap-Messe: Über avanti donne kannst du dir kostenlos dein Ticket für die Messe besorgen: www.avantidonne.ch (Rubrik «Veranstaltungen – Swiss Handicap»)
So kommst du hin:
Mit dem ÖV:
Ab Bahnhof Luzern Bus Nummer 20 bis Haltestelle «Allmend/Messe» (Fahrzeit 8 Minuten) oder S-Bahn Linien S4 und S5 bis Haltestelle «Allmend/Messe» (Fahrzeit 2 Minuten).
Mit dem Auto:
Autobahn, Ausfahrt Luzern-Horw benützen – der Signalisation «Allmend/Messe» folgen.
Siehe auch
Flyer downloaden
Freitag, 7. November 2014
Kein Geld mehr für Opfer der Psychiatrie (K-Tipp, 08.10.2014)
Die Invalidenversicherung verlangt von der Beratungsstelle Psychex Patientendaten
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| Logo Psychex |
Es geschah an einem Gründonnerstag: Ein Notfall - psychiater wies Brigitte von Au (Name geändert) gegen ihren Willen in eine Klinik ein. Die 50-Jährige war damals in einer seelischen Krise und sagte dem Notfalldienst am Telefon, sie wolle sich das Leben nehmen.
In der Klinik fühlte sich Brigitte von Au vom Personal gedemütigt. «Ein Arzt herrschte mich an: ‹Hier befehlen wir, Sie haben nichts zu sagen.›» Von Au wandte sich an die Beratungsstelle Psychex. Seit 1987 vermittelt der Verein Psychex Anwälte, die gegen die ungerechtfertigte Einsperrung von Patienten Rekurs einlegen.
Davon profitierte auch Brigitte von Au. «Es war eindrücklich, wie schnell Psychex eine Lösung fand», sagt sie. «Ich unterschrieb eine Vollmacht. Drei Stunden später konnte ich heimgehen.»
Immer mehr Patienten suchen Hilfe bei Psychex: Laut dem Jahresbericht erhielt der Verein letztes Jahr rund 4800 Anrufe von Klienten – 2000 mehr als vor fünf Jahren.
Doch jetzt ist die wichtige Arbeit gefährdet. Denn das Bundesamt für Sozialversicherungen will den Geldhahn zudrehen. Bisher erhielt der Verein pro Jahr 120 000 Franken von der Invalidenversicherung. Im August drohte das Bundesamt, die zweite Rate der jährlichen Subvention nicht zu zahlen. Grund: Psychex hatte sich geweigert, dem Bundesamt eine Liste mit Namen, Vornamen, Geschlecht und Geburtsdatum sämtlicher Klienten zu geben. Das Amt gab an, es brauche die Liste, um zu prüfen, ob Psychex berechtigt sei, Subventionen zu erhalten. Geld vom Bund gibts nur, wenn mindestens die Hälfte der Klienten IV-Bezüger sind.
«Eine absurde Forderung»
Fachleute kritisieren das Vorgehen des Bundesamts scharf. Der Zürcher Patienten anwalt Kurt Pfändler findet es «absurd», dass das Bundesamt die Namen der Psychex-Klienten verlangt: «Patienten gehen davon aus, dass Beratungsstellen ihre Angaben nicht an andere Stellen weitergeben.» Der St. Galler Rechtsanwalt Roger Burges, Generalsekretär des Vereins Psychex, sagt: «Die Aufforderung, Namen bekannt zu geben, kommt einer Anstiftung zur Ver letzung des Berufsgeheimnisses gleich.» Das Bundesamt brauche die Namen nicht, denn es sei allgemein bekannt, dass die Mehrzahl der Psychiatriepatienten IV-Rentner seien. Bisher habe der Bund nie Namen verlangt – auch nicht von anderen Beratungsstellen: «Es verstösst gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung, dass nur Psychex eine solche Auskunft geben muss.»
Dazu kommt: Die Namen der Psychex-Klienten sind besonders sensible Personendaten. Der Zürcher Rechtsanwalt Viktor Györffy, Präsident des Vereins Grundrechte. ch, erklärt: «Patienten, die Psychex anrufen, outen sich als Betroffene der Zwangspsychiatrie.» Das Bundesamt habe kein Recht, zu wissen, ob jemand in der Psychiatrie stecke. Margrit Kessler, Präsidentin von SPO Patientenschutz, warnt: «Es wäre eine schwere Verletzung des Datenschutzes, wenn Psychex die Namen von psychisch Kranken dem Bund geben würde.» Psychex-Gründer Edmund Schönenberger wirft dem Bundesamt vor, seinen Verein zu schikanieren, weil es mit seiner Kritik an der Psychiatrie nicht einverstanden sei.
Nur Stichproben bei andern Organisationen
Eine Umfrage bei Behindertenverbänden gibt den Kritikern recht. Pro-Infirmis-Sprecher Mark Zumbühl: «Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat uns nie aufgefordert, eine Liste mit allen Klienten zu senden.» Das Amt schaue die Namen der Klienten nur stichprobenmässig an. Auch die Behindertenorganisation Integration Handicap berichtet bloss von Stichproben.
Laut Schönenberger hat Psychex nur noch 10000 Franken in derKasse. Unter dem Druck ist der Verein eingeknickt: Schönenberger will dem Bund die verlangten Daten liefern. Um das zu ermöglichen, verlangte Sekretär Burges bei der Anwaltskammer St. Gallen, ihn vom Anwaltsgeheimnis zu entbinden.
Zur Kritik der Fachleute sagt Harald Sohns, Mediensprecher des Bundesamts für Sozialversicherungen, es sei in den Leistungsverträgen mit Psychex festgehalten, dass der Verein belegen müsse, dass er für Menschen mit einer Behinderung tätig ist. Das Subventionsgesetz
unterstütze diese Forderung. Der Datenschutz sei gewährleistet, denn das Bundesamt werde die Namen der Klienten vertraulich behandeln. Für eine «ernsthafte Kontrolle» genüge es nicht, die Zahl der unterstützten Personen zu melden. Das Bundesamt überprüfe alle subventionierten Organisationen. Es liege an Psychex, den Klienten mitzuteilen, dass der Verein ihre Personalien dem Bundesamt auf Anfrage bekannt geben müsse.
Andreas Gossweiler
Erschienen im K-Tipp vom Mittwoch, 8. Oktober 2014. Herzlichen Dank an die Redaktion des K-Tipps für die Genehmigung, den Artikel zu rebloggen.
Siehe auch:
Artikel als PDF downloaden
Psychex - Juristische Hilfe für Patienten, die gegen ihren Willen in eine Klinik eingesperrt sind.
Patientenstelle - Beratung für Patienten.
Pro Mente Sana - Beratung für psychisch Kranke und Angehörige.
Vask Schweiz - Unterstützung für Angehörige von psychisch Kranken.
Zopph - Verein für Psychiatriebetroffene.
Dienstag, 28. Oktober 2014
Miss & Mister Handicap Wahlen: Das Potential junger Menschen darf nicht verheizt werden.
Letztes Jahr fand keine Miss & Mister Handicap-Wahl statt. Das war für mich erholsam, denn diese Wahlen lösen bei mir immer einen inneren Konflikt aus. Der Aktivist in mir ärgert sich natürlich über den boulevardesken, gänzlich unpolitischen Charakter dieser Veranstaltung und der damit verbundenen Berichterstattung. Ich kann mir Sendungen wie Glanz & Gloria nicht anschauen, weil ich ihren meist oberflächlichen, belanglosen Inhalt nicht ertrage. Die Miss & Mister Handicap-Wahlen zwingen mich dann aber aus beruflichen Gründen, diese Abneigung bei Seite zu legen und sie mir eben doch anzuschauen. Das führt dann jeweils zum einen oder anderen boshaft-sarkastischen Kommentar von mir, welcher natürlich sofort erboste Reaktionen von Leuten auslöst, die diese Veranstaltung total toll finden.
Wenn das dann passiert, krebse ich manchmal zurück und nehme mich an der eigenen Nase. Schliesslich kritisiere ich ja selber die Behindertenbewegung dafür, dass wir uns in elitärer Runde und unter Ausschluss der Öffentlichkeit über Inklusion unterhalten, anstatt die breite Bevölkerung (oder wenigstens unsere eigene Basis) einzubeziehen. Medien wie die Glückspost, Schweizer Illustrierte oder Glanz & Gloria sind nun mal der kleinste gemeinsame Nenner und somit doch Ideale Plattformen, um die Gesellschaft zu erreichen und unterschwellig zu verändern. Da kann ich doch nur froh sein, dass es da eine Organisation im Behindertenkuchen gibt, die es mit zwei sympathischen Gesichtern geschafft hat, diese Medienkanäle zu nutzen.
Als ich mir dann aber brav das Glanz & Gloria-Interview mit den beiden Siegern vom letzten Sonntag angeschaut habe, begann sich mein innerer Konflikt langsam aufzulösen. Während dem die frischgebackene Miss Andrea Berger einigermassen souverän blieb, rannte Dani Fohrler bei Mister Handicap Felice Mastrovita mit seinen klischeebehafteten, indiskreten Fragen offene Türen ein und stocherte ausführlich in dessen noch nicht verheilten seelischen Wunden herum, obwohl dieser stellenweise den Tränen nahe zu seien schien.
Das hat Dani Fohrler natürlich nicht aus Boshaftigkeit getan, sondern weil er so jene Antworten erhalten hat, die die Zuschauer einer solchen Sendung hören wollen: Jene, die ihr Bild vom "armen Behinderten", der sein Schicksal "tapfer meistert" zementieren und sie eben gerade nicht dazu zwingen, ihr eigenes Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung - sei es nun im Alltag oder auch an Abstimmungssonntagen - zu hinterfragen.
Ich nahm diese Erkenntnis zum Anlass, mir die einzelnen Kandidatenprofile etwas genauer anzuschauen. Ich war positiv überrascht: Die meisten Kandidierenden hatten erstaunlich konkrete politische Anliegen auf Lager. Von "Gleichstellung", "Inklusion", "Barrierefreiheit", oder "beruflicher Integration" war da die Rede. Die beiden Gewählten druckten sich da weitaus unkonkreter aus: Andrea Berger wollte die "Lücke" zwischen Menschen mit und ohne Behinderung schliessen, Felice Mastrovita warb mit dem "Abbau von Berührungsängsten" für sich. - Wichtige, aber allgemein und unpolitisch formulierte und damit harmlos wirkende Punkte. Das soll jetzt nicht heissen, dass die Beiden auch so harmlos denken. Das kann man anhand einiger Sätze auf einer Webseite unmöglich beurteilen. Aber das "Abschreckungspotential" der beiden Gewählten war wohl von allen Kandidierenden am geringsten.
Das Problem ist: Letzten Endes wählen bei dieser Veranstaltung eben nicht Menschen mit Behinderung die beiden BotschafterInnen, von denen sie sich inhaltlich am meisten angesprochen fühlen. Wie bei jedem anderen Schönheitswettbewerb auch, wählt die breite, grösstenteils nichtbehinderte Öffentlichkeit. Und die wählt natürlich - womit wir wieder beim Anfang wären - den kleinsten gemeinsamen Nenner. Also den "armen Behinderten", der sein "schweres Schicksal" "tapfer meistert", dabei dankbar ist für jedes Almosen und dem es natürlich nie in den Sinn kommen würde, irgendeine Forderung nach rechtlichen Verbindlichkeiten oder irgendeine Kritik an die Gesellschaft zu richten.
Und ganz unabhängig davon, ob die beiden Gewählten diese Rolle spielen wollen oder nicht, ob sie nun konkrete Anliegen haben oder nicht: Man wird auch während dieser Amtszeit wieder alles tun, um sie in diese Rolle hineinzudrängen und von ihnen das zu hören zu bekommen, was man hören will. Etwas, das man natürlich gerade mit jungen, medienunerfahrenen Menschen besonders gut machen kann.
Deswegen auf die Organisatoren dieser Veranstaltung einzuschlagen, wäre aber der vollkommen falsche Ansatz. Viel eher sollten wir von ihnen lernen. Während dem nämlich die Behindertenbewegung chronisch über fehlenden Nachwuchs klagt, melden sich bei der Miss Handicap-Organisation jedes Jahr junge Menschen, die die behindertenpolitischen Probleme zumindest grob benennen können und Interesse daran äussern, auf eine Veränderung hin zu arbeiten. Warum sind wir nicht im Stande, diese motivierten jungen Menschen abzuholen? Wir sollten nicht zulassen, dass ihr Potential und ihre Leistungsbereitschaft durch diesen Schönheitswettbewerb und seine Nachwehen verheizt werden.
Eine Möglichkeit wäre, eine Zusammenarbeit mit der Miss Handicap-Organisation anzustreben. Würden die Kandidierenden beispielsweise Kurse in politischer Selbstvertretung und im Umgang mit Medien erhalten, möglicherweise mit erfahrenen AktivistInnen als Gastreferenten, könnte man diese hübschen jungen Gesichter auch mit etwas politischer Schlagkraft ausstatten. Und dann liesse sich eben tatsächlich über diesen Kanal für die Anliegen von Menschen mit Behinderung werben, anstatt die vor Mitleid triefenden Klischees des vorletzten Jahrhunderts weiter zu bedienen. Das das Grundsätzlich möglich ist, sehen wir an Beispielen aus Deutschland: Da sind junge, sympathische Leute wie Raul Krauthausen oder Laura Gehlhaar zu finden, die ihre Anliegen formulieren und konkrete Probleme aufzeigen können und trotzdem (oder gerade deswegen) gern gesehene Interviewpartner in den Medien sind. Das müsste bei uns doch eigentlich auch möglich sein.
Wenn das dann passiert, krebse ich manchmal zurück und nehme mich an der eigenen Nase. Schliesslich kritisiere ich ja selber die Behindertenbewegung dafür, dass wir uns in elitärer Runde und unter Ausschluss der Öffentlichkeit über Inklusion unterhalten, anstatt die breite Bevölkerung (oder wenigstens unsere eigene Basis) einzubeziehen. Medien wie die Glückspost, Schweizer Illustrierte oder Glanz & Gloria sind nun mal der kleinste gemeinsame Nenner und somit doch Ideale Plattformen, um die Gesellschaft zu erreichen und unterschwellig zu verändern. Da kann ich doch nur froh sein, dass es da eine Organisation im Behindertenkuchen gibt, die es mit zwei sympathischen Gesichtern geschafft hat, diese Medienkanäle zu nutzen.
Wer wird von wem wozu genutzt?
Als ich mir dann aber brav das Glanz & Gloria-Interview mit den beiden Siegern vom letzten Sonntag angeschaut habe, begann sich mein innerer Konflikt langsam aufzulösen. Während dem die frischgebackene Miss Andrea Berger einigermassen souverän blieb, rannte Dani Fohrler bei Mister Handicap Felice Mastrovita mit seinen klischeebehafteten, indiskreten Fragen offene Türen ein und stocherte ausführlich in dessen noch nicht verheilten seelischen Wunden herum, obwohl dieser stellenweise den Tränen nahe zu seien schien.
Das hat Dani Fohrler natürlich nicht aus Boshaftigkeit getan, sondern weil er so jene Antworten erhalten hat, die die Zuschauer einer solchen Sendung hören wollen: Jene, die ihr Bild vom "armen Behinderten", der sein Schicksal "tapfer meistert" zementieren und sie eben gerade nicht dazu zwingen, ihr eigenes Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung - sei es nun im Alltag oder auch an Abstimmungssonntagen - zu hinterfragen.
Ich nahm diese Erkenntnis zum Anlass, mir die einzelnen Kandidatenprofile etwas genauer anzuschauen. Ich war positiv überrascht: Die meisten Kandidierenden hatten erstaunlich konkrete politische Anliegen auf Lager. Von "Gleichstellung", "Inklusion", "Barrierefreiheit", oder "beruflicher Integration" war da die Rede. Die beiden Gewählten druckten sich da weitaus unkonkreter aus: Andrea Berger wollte die "Lücke" zwischen Menschen mit und ohne Behinderung schliessen, Felice Mastrovita warb mit dem "Abbau von Berührungsängsten" für sich. - Wichtige, aber allgemein und unpolitisch formulierte und damit harmlos wirkende Punkte. Das soll jetzt nicht heissen, dass die Beiden auch so harmlos denken. Das kann man anhand einiger Sätze auf einer Webseite unmöglich beurteilen. Aber das "Abschreckungspotential" der beiden Gewählten war wohl von allen Kandidierenden am geringsten.
Das Problem ist: Letzten Endes wählen bei dieser Veranstaltung eben nicht Menschen mit Behinderung die beiden BotschafterInnen, von denen sie sich inhaltlich am meisten angesprochen fühlen. Wie bei jedem anderen Schönheitswettbewerb auch, wählt die breite, grösstenteils nichtbehinderte Öffentlichkeit. Und die wählt natürlich - womit wir wieder beim Anfang wären - den kleinsten gemeinsamen Nenner. Also den "armen Behinderten", der sein "schweres Schicksal" "tapfer meistert", dabei dankbar ist für jedes Almosen und dem es natürlich nie in den Sinn kommen würde, irgendeine Forderung nach rechtlichen Verbindlichkeiten oder irgendeine Kritik an die Gesellschaft zu richten.
Und ganz unabhängig davon, ob die beiden Gewählten diese Rolle spielen wollen oder nicht, ob sie nun konkrete Anliegen haben oder nicht: Man wird auch während dieser Amtszeit wieder alles tun, um sie in diese Rolle hineinzudrängen und von ihnen das zu hören zu bekommen, was man hören will. Etwas, das man natürlich gerade mit jungen, medienunerfahrenen Menschen besonders gut machen kann.
Den Spiess umdrehen
Deswegen auf die Organisatoren dieser Veranstaltung einzuschlagen, wäre aber der vollkommen falsche Ansatz. Viel eher sollten wir von ihnen lernen. Während dem nämlich die Behindertenbewegung chronisch über fehlenden Nachwuchs klagt, melden sich bei der Miss Handicap-Organisation jedes Jahr junge Menschen, die die behindertenpolitischen Probleme zumindest grob benennen können und Interesse daran äussern, auf eine Veränderung hin zu arbeiten. Warum sind wir nicht im Stande, diese motivierten jungen Menschen abzuholen? Wir sollten nicht zulassen, dass ihr Potential und ihre Leistungsbereitschaft durch diesen Schönheitswettbewerb und seine Nachwehen verheizt werden.
Eine Möglichkeit wäre, eine Zusammenarbeit mit der Miss Handicap-Organisation anzustreben. Würden die Kandidierenden beispielsweise Kurse in politischer Selbstvertretung und im Umgang mit Medien erhalten, möglicherweise mit erfahrenen AktivistInnen als Gastreferenten, könnte man diese hübschen jungen Gesichter auch mit etwas politischer Schlagkraft ausstatten. Und dann liesse sich eben tatsächlich über diesen Kanal für die Anliegen von Menschen mit Behinderung werben, anstatt die vor Mitleid triefenden Klischees des vorletzten Jahrhunderts weiter zu bedienen. Das das Grundsätzlich möglich ist, sehen wir an Beispielen aus Deutschland: Da sind junge, sympathische Leute wie Raul Krauthausen oder Laura Gehlhaar zu finden, die ihre Anliegen formulieren und konkrete Probleme aufzeigen können und trotzdem (oder gerade deswegen) gern gesehene Interviewpartner in den Medien sind. Das müsste bei uns doch eigentlich auch möglich sein.
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