Sonntag, 17. April 2016

Silvio Rauchs Figurentheater zeigt: "Draussen vor der Tür" von Wolfgang Borchert



Wir laden herzlich ein zu dem Drama von Wolfgang Borchert Es ist ein Stück über den Krieg. Und es ist ein Stück über den Heimkehrer aus dem Krieg. Demzufolge ist es "ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" (Zitat Wolfgang Borchert)

Wir wollen es trotzdem zeigen und Sie wollen es trotzdem sehen.

Silvio Rauch aus Altstetten hat das Stück für das Papiertheater neu inszeniert. Er spielt es zusammen mit Jill Aeschlimann.

Wann: Mittwoch, 11. Mai 2016, 19:00

Wo: Pfarrei Heilig Kreuz, Saumackerstrasse 83, 8048 Zürich

Der Eintritt ist frei (Kollekte).

Mittwoch, 23. März 2016

Netzwerktreffen für Selbstvertreter

Logo Mensch zuerst - people first Schweiz


Wir treffen uns am:
Donnerstag, 31. März 2016
Zeit: 19:00 - 21:00 Uhr
Ort: Café Felix und Regula, Hirzelstrasse 18, 8004 Zürich

In Zürich und Umgebung gibt es verschiedene Selbstvertreter-Gruppen und Selbstvertreter.
Darüber denken wir nach:
Wir wollen ein Netzwerk bilden für Selbstvertretung

Was ist mir wichtig ?
Was brauche ich ?
Wie kann das gehen ?
Was kann ich dazu beitragen ?
Will ich das ?

Wir freuen uns.

Wie kommst du dahin?
Ab Hauptbahnhof mit dem
Tram 8 bis Endstation Hardplatz, ca 4 Min laufen bis zur Hirzelstrasse 18.
oder
Tram 3 bis Albisriederplatz, dann der Hardstrasse entlang laufen in Richtung Hardbrücke. Dann siehst du rechts das Kirchenzentrum.
Der Eingang des Cafes ist an der Hirzelstrasse.




Wenn du nicht weiter kommst, rufe mich an.
Handy: 079 723 02 09.

Beste Grüsse
Mathilde Bischoff

Internet-Seite:
Mensch zuerst - people first Schweiz

Samstag, 19. Dezember 2015

Diese PornodarstellerInnen verändern unsere Art über Sex und Behinderung zu sprechen.

"Behinderte Menschen ficken. Das in Pornos nicht zu zeigen, uns nicht auf den Portalen zu integrieren, ist schädlich und nicht authentisch.", sagt der behinderte Sexarbeiter Billy Autumn. Autumns Verfassung wird auf das Ehlers-Danlos-Syndrom zurückgeführt, eine Erbkrankheit, die das Bindegewebe beeinträchtigt. Er arbeitet in einer Branche, von der man nicht unbedingt denkt, dass behinderte Körper darin willkommen sind, aber er ist nicht alleine. Durch die Bemühungen, die Art und Weise zu verändern, wie die Gesellschaft über Sex und Behinderung denkt, werden Sexarbeiter wie Autumn zunehmend sichtbar - und sie verkünden ihren Wunsch nach einer stärkeren Vertretung lautstark.

Die Darsteller, die Mic.com interviewt hat, haben sowohl unsichtbare Einschränkungen, wie beispielsweise Schmerzstörungen oder Gehörverlust, als auch sichtbare Einschränkungen, die sich durch Krücken oder Rollstühle äussern. Die meisten von ihnen sind sich dahingehend einig, dass die Sex-Industrie eine Flexibilität eröffnet, die man in anderen Berufsgattungen kaum findet.

"Gerade wenn man eine Behinderung hat und auf Unterstützungsangebote angewiesen ist, ist es toll, immer noch einen Job zu haben, in dem man machen kann, was man will. Ich kann mir meine Kräfte einteilen.", sagt die Darstellerin Mara Dyne, die Fibromyalgie und somit chronische Schmerzen hat. "Es ist in Ordnung, wenn ich am Tag darauf nichts machen kann, weil es ohnehin kein Job ist, den man jeden Tag macht. Da man sich seine Arbeitsstunden selber einteilen kann, kenne ich doch einige Menschen mit Behinderung, die wegen diesem flexiblen Terminplan auf irgend eine Art in der Sexarbeit tätig sind."

Während dem behinderte Körper von der Gesellschaft üblicherweise ignoriert oder als komplett asexuell angesehen werden, läuft es in der "Alt Porn"-Industrie ganz anders. Es gibt zahlreiche Seiten für "Alt Porn" und "Queer Porn", die ihren Beitrag leisten, in dem sie Darsteller mit verschiedenen Arten von Körpern anheuern.

"Ich kam in einer frühen Phase meiner Geschlechtsangleichung als Fan der Pornoseite "Crash Pad Series" mit dieser Branche in Kontakt und es hat mich wirklich gefesselt.", sagt Maya Mayhem, eine teilpensionierte Transgender-Darstellerin. "Ich sah da wie man Queer, Trans und alle Formen von behinderten Körpern feierte (Es war ohne Zweifel besser als alles, was ich in dieser Zeit gefunden habe) und ich fühlte mich davon stark angezogen."

Doch obwohl DarstellerInnen mit Behinderung in einer Nischenbranche wie der Welt des "Alt Porn" eher willkommen sind als beispielsweise in der Modebranche (kürzlich gab es für das "Interview Magazine" ein kontroverses Foto-Shooting mit der nichtbehinderten Kylie Jenner, die sich in einem Rollstuhl ablichten liess), heisst das nicht, dass die Pornoindustrie die Diversität unserer Gesellschaft perfekt repräsentiert.

Im Mainstream der Porno-Branche werden DarstellerInnen mit Behinderung entweder komplett ignoriert, oder aber in Nischenproduktionen wie Fetisch-Videos angeheuert. In den Siebzigern wurde beispielsweise die amputierte Pornodarstellerin Long Jeanne Silver dafür berühmt, dass sie den Stumpf ihres amputierten Beines für die Penetration benutzte.

Die sichtbar behinderte Queer-Pornodarstellerin Lyric Seal war schon immer in den darstellenden Künsten tätig und kam zum Porno nachdem sie als Erotik-Model tätig war. Seal, eine Rollstuhlfahrerin, sagt, dass der Mainstream der Porno-Industrie Ähnlichkeiten mit Hollywood aufweist, wenn es um die Bereitschaft geht, verschiedenartige Menschen zu zeigen.

"Menschen haben eine Vorstellung davon, welche Art von Körpern die Öffentlichkeit bereit ist zu sehen und für welche Art von Körpern zu sehen sie nicht bereit ist. Und sobald wir über Sex sprechen, sprechen wir auch darüber, welche Art von Körpern die Leute als sexuell wahrnehmen möchten.", sagt Seal. "Wenn wir dazu bereit sind, sie als sexuell anzusehen, in welcher Form müssen wir diese Sexualität dann akzeptieren? Müssen diese Körper fetischistisch dargestellt werden? Müssen sie stereotyp dargestellt werden?"

Seal sagt, dass die fetischistische Darstellung der Behinderung nicht nur schlicht und einfach Teil ihres Berufes ist, sondern auch vollkommen in Ordnung ist - wenigstens solange die Kamera läuft.

"Persönlich habe ich keine Probleme damit, meinen Körper als Fetisch darzustellen. Wirklich nicht. Vor allem als Teil meines Berufes. Ich meine, wenn man Füsse fetischistisch darstellen darf, warum dann nicht auch die Füsse eines Menschen mit Behinderung?" Das ändert sich allerdings ausserhalb des Filmsets: "Wenn ich persönlich mit jemandem interagiere, merke ich, ob ich seine fetischistische Seite anspreche und ich weiss, ob ich damit umgehen kann oder nicht. Und wenn ich damit umgehen kann, liegt das für gewöhnlich daran, dass ich dafür bezahlt werde."

Obwohl sie eine Gesinnungsgenossin der Regisseure des Mainstream-Pornos ist, musste Seal sich abrackern, um im Mainstream-Porno erfolgreich zu sein. "Es ist schon interessant, wenn man sich einen Namen und Aufmerksamkeit im "Queer Porn" und im "Alt Porn" erarbeitet hat und trotzdem niemand ist, der von den regulären Studios zumindest eines zweiten Blickes gewürdigt wird. In gewisser Weise würde ich gerne die Hand nach ihnen ausstrecken und sagen: 'Hey, denkt ihr, dass ihr Platz für meinen Körper habt? Denkt ihr, dass ihr Platz für andere Körper habt, die so sind wie meiner?' Aber das Problem ist eben auch, dass die Produzenten wissen, wie ihre Zuschauer ticken."

Seal sagt, die unzähligen Interview-Anfragen der Medien bezeugt den Mangel an DarstellerInnen mit Behinderung in der Porno-Industrie: "Wenn ich überall herumgereicht werde als die Repräsentantin von Menschen mit Behinderung in der Branche, bedeutet das, dass es zu wenige DarstellerInnen wie mich gibt. Ich bekomme mehr Anfragen für Interviews, als Anfragen für Dreharbeiten."

Andrew Morrison-Gurza von der Aktivisten-Organisation "Deliciously Disabled" stimmt Seal zu. Morrison-Gurza sorgte im Juni für Schlagzeilen, weil er eine Orgie für Menschen mit Behinderung organisiert hat. Als wir ihn danach gefragt haben, wie Menschen mit Behinderung in der Porno-Branche behandelt werden, antwortete er, dass das Problem nicht darin bestehe, dass sie zu selten vorkommen würden, sondern darin, dass "Menschen mit Behinderung in Mainstream-Pornos überhaupt nicht stattfinden. Kulturell bedingt bereitet es uns immer noch immense Probleme, wenn wir einen behinderten Körper in einem sexuellen Kontext sehen."

Wenn man ihm die Möglichkeit geben würde, sagt Morrison-Gurza, würde er selber liebend gerne Pornos drehen. "Es wäre so aufregend, meinen Rollstuhl und meinen behinderten Körper zu sexualisieren, diese ganze Erfahrung jemanden dazu zu bringen, sich auszuziehen, und alle diese Dinge, die auch Menschen mit Behinderung tun, vor laufender Kamera zu tun. Alle diese Dinge könnten Teil der Pornokultur sein."

Seal behauptet, dass wir als Gesellschaft gut daran tun würden, wenn wir über die Sexualität von Menschen mit Behinderung offen sprechen und sie wie als vollwertige, sexualisierte Erwachsene betrachten würden, anstatt als Kinder.

"Eine der Formen von Ableismus, welche Menschen mit Behinderung erleben, besteht darin, dass man sie gegen ihren Willen verkindlicht und von der Gesellschaft auf diese beschissen paternalistische Weise als Schutzbedürftige abstempelt. So als wären wir alle Mündel der Regierung. In vielerlei Hinsicht denkt man über uns, dass wir kraftlose Menschen sind. Menschen, die unmündig sind und nicht entscheiden können.", sagt Seal.

Durch die Sexarbeit, die Porno-DarstellerInnen mit Behinderung leisten, kann die Art, wie wir über Behinderung und Attraktivität sprechen verändert werden, glaubt Morrison-Gurza. Anders als bei einem Foto-Shooting für die Mode-Branche können DarstellerInnen mit Behinderung in Pornos die Gesellschaft dazu zwingen, Menschen mit Behinderung als sexuelle Wesen zu sehen.

"Ich glaube, Menschen ohne Behinderung hat man noch gar nicht die Chance gegeben, Behinderungen als sexy anzusehen. Weil man sie nicht damit konfrontiert, sind sie gar nicht dazu in der Lage, eine Verbindung zwischen Sex und Behinderung herzustellen. Es ist notwendig, ihnen dies auf die netteste mögliche Art vor Augen zu führen, damit sie es als sexy wahrnehmen können.", sagt Morrison-Gurza.

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: Mic

Montag, 9. November 2015

UK: Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um 41% zugenommen.

Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur "die Spitze des Eisberges"


Aktenkundige Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um niederschmetternde 41% zugenommen, aber Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur die Spitze des Eisberges.

Gemäss Informationen, die die Zeitung "the Independent" über einen "Freedom of Information request" (Eine Anfrage gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz) erhalten hat, haben von der Polizei registrierte Hassverbrechen von 1'955 Fällen in 2013-14 auf 2'765 Fälle in 2014-15 zugenommen.

Stephen Brookes, Koordinator des "Disability Hate Crime Network" sagte, dass die Zahlen, die von "The Independent" aufgedeckt worden sind, das wahre Ausmass des Problems unterbewerten, da viele Fälle nicht registriert werden. Er sagte, dass es jedes Jahr 60'000 Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung gibt und "die Mehrheit der Fälle niemals registriert wird."

"Was wir erreichen konnten, ist, dass Menschen mit Behinderung etwas mehr Zuversicht bekommen haben, dass man ihnen zuhört."

Er erklärte, dass die Messlatte in der Vergangenheit zu hoch gesetzt wurde und zu viele Menschen annahmen, dass es sich bei eigentlichen Hassverbrechen nur um natürliche Todesursachen und Unfälle handelte.

"Was wir damit sagen wollen, ist, dass dies zwar eine ernste Angelegenheit ist, aber dass wir eigentlich gegen die Feindseligkeit vorgehen müssen, die gegen Menschen mit Behinderung gerichtet ist."

Aus den 38 Antworten der 45 landesweiten Polizeistationen, die wir angefragt haben, ergibt sich eine Zunahme von 41%, verglichen mit der Zunahme von nur 5,9% zwischen 2012-13 und 2013-14.

Diese Nachricht erscheint pünktlich zum zwanzigsten Jubiläum des Beschlusses zur Einführung des "Disability Discrimination Act" (Behinderten-Gleichstellungsgesetz), welches Menschen mit Behinderung rechtliche Gleichstellung einräumte.

Dies geschah in Folge einer Reihe von durch die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung inspirierten Protestaktionen, darunter Demonstrationen auf dem Trafalgar Square und einer Blockade der Busspuren durch Rollstuhlfahrer.

Bevor das Gesetz in Kraft getreten ist, durften Menschen mit Behinderung von Restaurantbetreibern abgewiesen, an der Nutzung des öffentlichen Verkehrssystems gehindert, oder sogar entlassen werden, wenn sie ihrem Arbeitgeber mitteilten, dass sie krank sind.

Aber einer Untersuchung zu Folge, die letzte Woche von der Behindertenorganisation "Scope" veröffentlicht wurde, sagen 62% der Menschen mit Behinderung, dass sie aufgrund ihrer Behinderung anders behandelt werden und nur 40% sagen, dass das Vereinigten Königreich ein guter Ort zum Leben für einen Menschen mit Behinderung sei.

Agnes Fletcher, eine Scope-Beauftragte, die eine Kampagne für eine Änderung des Gesetzes führte, sagte, dass sich die Fronten gegen Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren verhärtet hätten.

Sie sagte: "Bei der Änderung des Gesetzes ging es nicht nur darum, ob es einen Fall gibt und ob man diesen strafrechtlich verfolgen kann, sondern darum, ein Zeichen zu setzen, dass diese Art von Verhalten inakzeptabel ist."

Beth Grossman, Leiterin der Abteilung "Politik & Forschung" bei Scope, sagte, dass die massive Zuspitzung in der Kriminalstatistik auf die verbesserte Sensibilisierung für Hassverbrechen bei der Polizei und Menschen mit Behinderung zurückzuführen sei.

Sie sagte, dass das Innenministerium in den letzten Jahren mit den Polizei-Verantwortlichen zusammengearbeitet habe, um die Beamten dafür zu sensibilisieren, was als Hassverbrechen einzustufen ist und was nicht.

Sie berichtete unserer Zeitung: "Wenn Sie bedenken, dass Polizeibeamte gewöhnliche Menschen wie Sie und ich sind, dann ist es naheliegend, dass sie es womöglich gar nicht merken, wenn Menschen die Polizeistation betreten und Beleidigungen zur Anzeige bringen, bei denen es sich potentiell um Hassverbrechen handeln könnte. Oder wenn eine Person mit Behinderung vorbeikommt und eine Belästigung auf offener Strasse oder einen körperlichen Angriff zur Anzeige bringt und nicht körperlich behindert ist oder nicht direkt behindertenfeindliche Äusserungen raportiert, führt das womöglich dazu, dass die Polizei dies nicht als Hassverbrechen registriert. Nicht aus böser Absicht, sondern weil sie es schlicht und einfach nicht besser wissen."

Dennoch glaubt sie, dass mehr getan werden muss, um das Problem der allgegenwärtigen, unterschwelligen Negativität gegenüber Menschen mit Behinderung zu bekämpfen.

Sie sagte: "Während unserer Untersuchung haben wir herausgefunden, dass 42% der Menschen ohne Behinderung keinen einzigen Menschen mit Behinderung kennen. Womöglich realisiert man gar nicht, dass man selber diese negative Einstellung besitzt, weil man im Alltag nicht mit Menschen mit Behinderung interagiert."

Das Zahlenmaterial zeigt die Geschwindigkeit mit der sich das Handeln der Polizei verbessert hat, seit den Ermittlungen im Jahr 2013 zum Tode von Fiona Pilkington, die sich und ihrer behinderten Tochter das Leben nahm, nachdem sie jahrelangem Mobbing und Beschimpfungen ausgesetzt war, was von der Polizei von Leicestershire ignoriert wurde.

Aber ein etwas älterer Bericht des Strafverfolgungsdienstes der Krone besagt, dass die Polizeikräfte immer noch nicht genug unternehmen, um diese Form der Misshandlung zu unterbinden, die für viele Menschen mit Behinderung ein alltägliches Vorkommnis darstellen.

Simon Green, der den walisischen Ableger des "Disability Hate Crime Network" leitet, erklärt, dass er als Rollstuhlfahrer beinahe jeden zweiten Tag unter mindestens einer Form von Beschimpfung oder Diskriminierung zu leiden habe.

Er sagte, er wurde in der Vergangenheit Opfer von körperlicher und verbaler Misshandlung, aber es seien die beiläufigen, abfälligen Kommentare, die ihn mehr verletzen würden.

Er sagte: "Ehrlich gesagt bin ich immer ein bisschen angespannt, wenn ich beim Ein- oder Aussteigen einer Bahn die anderen Passagiere darum bitten muss, mir den Weg frei zu machen: Werden Sie nett zu mir sein? Oder werden sie herumtänzeln und seufzen, sodass mein Herz ein bisschen schneller schlagen wird? In neun von zehn Fällen kommt es gut, aber es ist diese eine Situation in der jemand eine giftige Bemerkung von sich gibt, die mich nervös macht."

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The Independent

Montag, 2. November 2015

Pro Infirmis und der Güselwagen

Der Werbestil der Pro Infirmis ist gerade in der Behindertenszene sehr umstritten. Während dem ich einige Kritikpunkte nachvollziehen kann, bzw. sogar teile, gibt es hin und wieder auch Beschwerden, die ich persönlich der Pro Infirmis gegenüber für unfair halte. Und fair sollte man immer bleiben - nicht nur dem Gegner zu liebe, sondern auch, um seine eigene Glaubwürdigkeit zu wahren.

Das ist allerdings zugegeben nicht immer ganz einfach. Wenn zum Beispiel im Namen der Pro Infirmis ein Mädchen mit Down-Syndrom von einem Güselwagen herunterlächelt, wirkt das auf den ersten Blick schon sehr verstörend.

Pro Infirmis-Werbung: Ein lächelndes Mädchen mit Down-Syndrom auf einem Müllwagen (Bild: ZVG)

Der Gedanke liegt dann nahe, dass der gebotene Respekt gegenüber diesem Mädchen zu Gunsten einer vergleichsweise billigen (wen wundert's?) Werbefläche vernachlässigt wurde.

Was aber, wenn diese Verbindung von Behinderung und Müllentsorgung von den Verantwortlichen voll beabsichtigt ist? Wenn man bedenkt, dass neun von zehn aller mit Down-Syndrom diagnostizierten Embryonen abgetrieben werden, ist es doch eigentlich recht naheliegend, den Link zur Abfallbeseitigung herzustellen. Das ist noch nicht einmal doppeldeutig: Die wenigsten Eltern dürften sich die Mühe machen, einem Kind, das sie nicht haben wollten, einen Namen zu geben und eine teure Beerdigung zu veranstalten. Diese Kinder landen dann also tatsächlich in der Müllverbrennung, wenn auch nicht via Hauskehricht. Möglich, dass die Pro Infirmis diese Tatsache auf eine etwas polemische Weise anprangern möchte.

In diesem sarkastischen Kontext müsste man dann wohl auch die auf dem Plakat angebrachte Aufforderung interpretieren: "Kommen Sie näher" (Subtext: ...und werfen Sie Ihr defektes Kind gleich selber rein).

- Finden Sie das zu weit hergeholt? Wenn ja, bedenken Sie bitte, dass dieses Plakat, wenn es nicht an einem Güselwagen hängen würde, absolut keinen Sinn ergeben würde. Wir hätten dann nur noch ein lachendes Mädchen (Jö!) mit Down-Syndrom (Doppel-Jö!) und der Aufforderung, näher zu kommen (hä?).

Recycling & Inklusion


Wenn wir aber unsere Abfall-Theorie noch etwas weiterspinnen, erschliessen sich uns weitere Bedeutungsebenen dieser vielschichtigen Werbung: Im Recycling geht man davon aus, dass Abfall oft nur entsteht, weil man mit Ressourcen falsch umgeht. Diese können durch die richtige Aufbereitung aus ihrer Nutzlosigkeit befreit und wieder in den Wirtschaftskreislauf überführt werden.

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit dem sozialen Modell von Behinderung: Auch hier geht man davon aus, dass nicht die Einschränkung eines Menschen seine Behinderung ausmacht, sondern die Ignoranz, mit der Wirtschaft und Gesellschaft auf diesen Menschen und seine Einschränkung reagieren. Wandelt sich aber diese Einstellung hin zu einem inklusiven Denken, kann die Behinderung überwunden werden. Man könnte sagen: Was Recycling für Wertstoffe bedeutet, bedeutet Inklusion für Menschen.

Bei der beruflichen Eingliederung gibt es sogar noch eine Parallele zum in letzter Zeit in Mode gekommenen "Upcycling", also einer Aufwertung des recycelten Materials: ein wiedereingegliederter IV-Rentner kann seine während der Invalidität gemachten Erfahrungen und die gewonnene Sensibilität nutzen und seinen Arbeitgeber bei der Eingliederung weiterer IV-Rentner unterstützen.

Natürlich kann es auch zu einem Downcycling kommen. Beispielsweise dann, wenn der Eingegliederte nachher Gutachten für die IV erstellt.

Fazit


Auf sarkastische, subtile und doch unmissverständliche Weise prangert die Pro Infirmis die "pränatale Wegwerfmentalität" in unserer Gesellschaft an und bewirbt zugleich das soziale Modell von Behinderung.

Diese Güselwagen-Aktion gehört somit zu den subversivsten Werbekampagnen, die die Pro Infirmis je lanciert hat...

...

...also vorausgesetzt natürlich, die Organisation hat bei der Buchung dieser Werbeflächen die selben Gedankengänge unternommen, wie ich gerade.

Update vom 12. März 2019

Vor etwa einer Woche wurde die Güselwagen-Werbung wieder gesichtet und es gab erneut einige Beschwerden. Im Unterschied zu den Vorjahren gab Pro Infirmis bekannt, sich um die Sache zu kümmern. Heute verkündete die Organisation, dass die Werbung entsorgt worden ist. Es bestätigt meinen Eindruck, dass mit dem Wechsel in Fundraising und Direktion ein positiver Kulturwandel bei Pro Infirmis eingesetzt hat. Das freut mich sehr!
___

Siehe auch


«Wir schaffen Behinderung ab» – Liebe Pro Infirmis, wie soll diese Werbung verstanden werden? - Artikel auf "etwasanderekritik"

Ziemlich clever: Pro Infirmis bucht Werbefläche auf Müllwagen. - Konversation auf Twitter