Mittwoch, 8. Juni 2016

Persönliche Stellungnahme zum Pro Infirmis-Artikel "selbstbestimmt oder selbstgerecht?"

Wer die Geschichte noch nicht kennt, kann sie hier nachlesen.

Grundsätzliches


Zunächst einmal: Bei einem der zitierten Beiträge handelt es sich um einen offiziellen Redaktionskommentar von selbstbestimmung.ch, beim anderen um eine Äusserung, die ich auf meinem privaten facebook-Profil gemacht habe und, wie die untenstehende Grafik zeigt, auch nur meine facebook-Freunde lesen konnten.*

Screenshot privates facebook-Profil David Siems

Im Beitrag von Mark Zumbühl ist das nicht ersichtlich. Meine Rolle als Privatperson und jene als Mitarbeiter von selbstbestimmung.ch werden stark vermischt. Ich habe mich im Interesse der Rollentrennung dazu entschieden, auf meinem persönlichen Blog Stellung zu beziehen. Für eine Stellungnahme im Namen des Vereins bin ich wegen persönlicher Befangenheit nicht qualifiziert.

Die Zitate und ihr Kontext


Nachfolgend sehen Sie meine beiden vollständigen Beiträge. Die von Mark Zumbühl zitierten Passagen sind hervorgehoben:

David Siems (Privatprofil facebook, 20. Mai 2016):

"Jetzt muss ich mich wieder entscheiden, ob und warum ich das gut oder schlecht finden soll. - Denn ja, ich finde es falsch, es einfach mal aus Prinzip schlecht zu finden, nur weil es von Pro Infirmis kommt. Erster Eindruck: Musik und Atmosphäre sind wie immer unnötig tränendrüsendrückerisch, was für die Sache auf jeden Fall kontraproduktiv ist. Den eigentlichen Inhalt muss ich noch etwas wirken lassen. ‪#‎Angstlähmt‬"

Selbstbestimmung.ch (Website & facebook-Fanseite, 21. Mai 2016):

"Wie die meisten Pro Infirmis-Kampagnen zeigt uns auch diese das Elend und nicht die Perspektive. Die Symbolik des Clips ist aber so stark, dass man darüber hinwegsehen kann. Psychische Erkrankungen plakativ darzustellen ist eine hohe Kunst, die bislang selten gemeistert wurde. Der Clip ist zudem abstrakt genug, dass der Zuschauer ihn nicht eins zu eins auf Betroffene übertragen kann und somit wohl nicht zur Klischee-Bildung beiträgt. Das ist aber nur die Meinung eines Nichtbetroffenen."

Wie Sie sehen können war der private Kommentar noch überwiegend unentschlossen, mit einer kritischen Randbemerkung. Nachdem ich das Video einen Tag lang auf mich wirken lassen konnte, lobte ich die Kampagne im offiziellen Kommentar von selbstbestimmung.ch sogar und relativierte im Hinblick auf die hervorragend umgesetzte Bildsprache die Tatsache, dass der Clip halt nur das Elend im Leben der Betroffenen aufzeigt. Ebenso wies ich ausdrücklich darauf hin, dass es sich um die Einschätzung eines nicht von Angststörungen Betroffenen handelt. Auf die im Titel gestellte Frage und die passiv-aggressive Bemerkung am Ende des ersten Textabschnittes gibt es somit eine klare Antwort.

Ich war, bin und bleibe fair


Die Anmerkung, dass ich es falsch finde, eine Pro Infirmis-Kampagne nur deshalb zu kritisieren, weil sie von Pro Infirmis kommt, war an meine Kolleginnen und Kollegen aus der Behindertenbewegung gerichtet: Bei der letzten Kampagne musste ich die Pro Infirmis punktuell in Schutz nehmen, da die geäusserte Kritik zum Teil sehr unsachlich war. Dafür wurde ich von einigen Leuten aus der Behindertenbewegung heftig kritisiert. Mark Zumbühl ist sich dessen übrigens bewusst, da ich ihm damals die Gelegenheit zur Stellungnahme gab und diese dann auch kommentarlos publizierte.

Ich bin übrigens unabhängig von der aktuellen, ziemlich unprofessionellen Aktion von Mark Zumbühl nach wie vor der Meinung, dass es damals richtig war, die Pro Infirmis in Schutz zu nehmen und dass auch mein Lob für die diesjährige Kampagne berechtigt war. Denn würde ich Pro Infirmis grundsätzlich nur kritisieren, würde ich auch bei berechtigten Kritikpunkten an Glaubwürdigkeit einbüssen: "Der Siems ist ja immer gegen die Pro Infirmis", würde es dann heissen.

Angst vor Selbstvertretern?


Was ich bemerkenswert finde, ist, dass mich Mark Zumbühl für dieses Lob öffentlich angreift und es so verdreht, dass daraus eine Kritik wird. Ich habe die Pro Infirmis in den vergangenen Jahren schon mehrfach tatsächlich inhaltlich kritisiert und darauf nie eine Reaktion erhalten. Es wirkt auf mich so, als möchte man meine Legitimation als Selbstvertreter untergraben, in dem man aufzuzeigen versucht, dass ich eine andere Meinung vertrete, als "die Behinderten" es tun. Dabei versucht man auch gleich noch, selbstbestimmung.ch zu diskreditieren, in dem man die Organisation mit meiner Person vermischt, um inhaltlichen Diskussionen mit uns aus dem Weg gehen zu können. Das funktioniert aber nur schon deshalb nicht, weil es weder "die Behinderten", noch deren "Einheitsmeinung" gibt.

Was man mit der Aktion aber auf jeden Fall erreicht haben dürfte, ist, dass Menschen mit Behinderung es sich in Zukunft zweimal überlegen werden, ob sie die Pro Infirmis kritisieren möchten. Müssen sie aufgrund meines Beispiels doch fürchten, dass ihre Äusserungen aus dem Zusammenhang gerissen und mit ihrem Klarnamen und dem Namen ihres Arbeitgebers auf der Pro Infirmis-Website publiziert werden. Diese Vorstellung dürfte insbesondere auf Menschen mit Angststörungen recht abschreckend wirken.

Fussnote


*Ich war auf facebook mit einer hochrangigen Pro Infirmis-Mitarbeiterin verbunden. Da ich nicht möchte, dass weitere Elemente meines Privatlebens auf der Website von Pro Infirmis veröffentlicht werden, habe ich sie mittlerweile blockiert.

___

Siehe auch


selbstbestimmt oder selbstgerecht?, Pro Infirmis Website, 7. Juni 2016

Selbstbestimmung.ch, Redaktionskommentar Website & facebook-Fanseite, 21. Mai 2016

David Siems, Kommentar Privatprofil facebook, 20. Mai 2016 (nur für facebook-Freunde einsehbar)

Mark Zumbühl, Pro Infirmis: "Wir hätten keinen Einfluss mehr nehmen können", KrüppelStolz, 8. Dezember 2014

Ein depressiver Zombie soll für Pro Infirmis die Marke stärken und die Kasse klingeln lassen, IV Info, 7. Dezember 2014

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen