Montag, 9. November 2015

UK: Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um 41% zugenommen.

Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur "die Spitze des Eisberges"


Aktenkundige Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung haben in einem Jahr um niederschmetternde 41% zugenommen, aber Aktivisten sagen, diese Kennzahl sei nur die Spitze des Eisberges.

Gemäss Informationen, die die Zeitung "the Independent" über einen "Freedom of Information request" (Eine Anfrage gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz) erhalten hat, haben von der Polizei registrierte Hassverbrechen von 1'955 Fällen in 2013-14 auf 2'765 Fälle in 2014-15 zugenommen.

Stephen Brookes, Koordinator des "Disability Hate Crime Network" sagte, dass die Zahlen, die von "The Independent" aufgedeckt worden sind, das wahre Ausmass des Problems unterbewerten, da viele Fälle nicht registriert werden. Er sagte, dass es jedes Jahr 60'000 Hassverbrechen gegen Menschen mit Behinderung gibt und "die Mehrheit der Fälle niemals registriert wird."

"Was wir erreichen konnten, ist, dass Menschen mit Behinderung etwas mehr Zuversicht bekommen haben, dass man ihnen zuhört."

Er erklärte, dass die Messlatte in der Vergangenheit zu hoch gesetzt wurde und zu viele Menschen annahmen, dass es sich bei eigentlichen Hassverbrechen nur um natürliche Todesursachen und Unfälle handelte.

"Was wir damit sagen wollen, ist, dass dies zwar eine ernste Angelegenheit ist, aber dass wir eigentlich gegen die Feindseligkeit vorgehen müssen, die gegen Menschen mit Behinderung gerichtet ist."

Aus den 38 Antworten der 45 landesweiten Polizeistationen, die wir angefragt haben, ergibt sich eine Zunahme von 41%, verglichen mit der Zunahme von nur 5,9% zwischen 2012-13 und 2013-14.

Diese Nachricht erscheint pünktlich zum zwanzigsten Jubiläum des Beschlusses zur Einführung des "Disability Discrimination Act" (Behinderten-Gleichstellungsgesetz), welches Menschen mit Behinderung rechtliche Gleichstellung einräumte.

Dies geschah in Folge einer Reihe von durch die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung inspirierten Protestaktionen, darunter Demonstrationen auf dem Trafalgar Square und einer Blockade der Busspuren durch Rollstuhlfahrer.

Bevor das Gesetz in Kraft getreten ist, durften Menschen mit Behinderung von Restaurantbetreibern abgewiesen, an der Nutzung des öffentlichen Verkehrssystems gehindert, oder sogar entlassen werden, wenn sie ihrem Arbeitgeber mitteilten, dass sie krank sind.

Aber einer Untersuchung zu Folge, die letzte Woche von der Behindertenorganisation "Scope" veröffentlicht wurde, sagen 62% der Menschen mit Behinderung, dass sie aufgrund ihrer Behinderung anders behandelt werden und nur 40% sagen, dass das Vereinigten Königreich ein guter Ort zum Leben für einen Menschen mit Behinderung sei.

Agnes Fletcher, eine Scope-Beauftragte, die eine Kampagne für eine Änderung des Gesetzes führte, sagte, dass sich die Fronten gegen Menschen mit Behinderung in den letzten Jahren verhärtet hätten.

Sie sagte: "Bei der Änderung des Gesetzes ging es nicht nur darum, ob es einen Fall gibt und ob man diesen strafrechtlich verfolgen kann, sondern darum, ein Zeichen zu setzen, dass diese Art von Verhalten inakzeptabel ist."

Beth Grossman, Leiterin der Abteilung "Politik & Forschung" bei Scope, sagte, dass die massive Zuspitzung in der Kriminalstatistik auf die verbesserte Sensibilisierung für Hassverbrechen bei der Polizei und Menschen mit Behinderung zurückzuführen sei.

Sie sagte, dass das Innenministerium in den letzten Jahren mit den Polizei-Verantwortlichen zusammengearbeitet habe, um die Beamten dafür zu sensibilisieren, was als Hassverbrechen einzustufen ist und was nicht.

Sie berichtete unserer Zeitung: "Wenn Sie bedenken, dass Polizeibeamte gewöhnliche Menschen wie Sie und ich sind, dann ist es naheliegend, dass sie es womöglich gar nicht merken, wenn Menschen die Polizeistation betreten und Beleidigungen zur Anzeige bringen, bei denen es sich potentiell um Hassverbrechen handeln könnte. Oder wenn eine Person mit Behinderung vorbeikommt und eine Belästigung auf offener Strasse oder einen körperlichen Angriff zur Anzeige bringt und nicht körperlich behindert ist oder nicht direkt behindertenfeindliche Äusserungen raportiert, führt das womöglich dazu, dass die Polizei dies nicht als Hassverbrechen registriert. Nicht aus böser Absicht, sondern weil sie es schlicht und einfach nicht besser wissen."

Dennoch glaubt sie, dass mehr getan werden muss, um das Problem der allgegenwärtigen, unterschwelligen Negativität gegenüber Menschen mit Behinderung zu bekämpfen.

Sie sagte: "Während unserer Untersuchung haben wir herausgefunden, dass 42% der Menschen ohne Behinderung keinen einzigen Menschen mit Behinderung kennen. Womöglich realisiert man gar nicht, dass man selber diese negative Einstellung besitzt, weil man im Alltag nicht mit Menschen mit Behinderung interagiert."

Das Zahlenmaterial zeigt die Geschwindigkeit mit der sich das Handeln der Polizei verbessert hat, seit den Ermittlungen im Jahr 2013 zum Tode von Fiona Pilkington, die sich und ihrer behinderten Tochter das Leben nahm, nachdem sie jahrelangem Mobbing und Beschimpfungen ausgesetzt war, was von der Polizei von Leicestershire ignoriert wurde.

Aber ein etwas älterer Bericht des Strafverfolgungsdienstes der Krone besagt, dass die Polizeikräfte immer noch nicht genug unternehmen, um diese Form der Misshandlung zu unterbinden, die für viele Menschen mit Behinderung ein alltägliches Vorkommnis darstellen.

Simon Green, der den walisischen Ableger des "Disability Hate Crime Network" leitet, erklärt, dass er als Rollstuhlfahrer beinahe jeden zweiten Tag unter mindestens einer Form von Beschimpfung oder Diskriminierung zu leiden habe.

Er sagte, er wurde in der Vergangenheit Opfer von körperlicher und verbaler Misshandlung, aber es seien die beiläufigen, abfälligen Kommentare, die ihn mehr verletzen würden.

Er sagte: "Ehrlich gesagt bin ich immer ein bisschen angespannt, wenn ich beim Ein- oder Aussteigen einer Bahn die anderen Passagiere darum bitten muss, mir den Weg frei zu machen: Werden Sie nett zu mir sein? Oder werden sie herumtänzeln und seufzen, sodass mein Herz ein bisschen schneller schlagen wird? In neun von zehn Fällen kommt es gut, aber es ist diese eine Situation in der jemand eine giftige Bemerkung von sich gibt, die mich nervös macht."

Übersetzt aus dem Englischen von David Siems / Quelle der Nachricht: The Independent

Montag, 2. November 2015

Pro Infirmis und der Güselwagen

Der Werbestil der Pro Infirmis ist gerade in der Behindertenszene sehr umstritten. Während dem ich einige Kritikpunkte nachvollziehen kann, bzw. sogar teile, gibt es hin und wieder auch Beschwerden, die ich persönlich der Pro Infirmis gegenüber für unfair halte. Und fair sollte man immer bleiben - nicht nur dem Gegner zu liebe, sondern auch, um seine eigene Glaubwürdigkeit zu wahren.

Das ist allerdings zugegeben nicht immer ganz einfach. Wenn zum Beispiel im Namen der Pro Infirmis ein Mädchen mit Down-Syndrom von einem Güselwagen herunterlächelt, wirkt das auf den ersten Blick schon sehr verstörend.

Pro Infirmis-Werbung: Ein lächelndes Mädchen mit Down-Syndrom auf einem Müllwagen (Bild: ZVG)

Der Gedanke liegt dann nahe, dass der gebotene Respekt gegenüber diesem Mädchen zu Gunsten einer vergleichsweise billigen (wen wundert's?) Werbefläche vernachlässigt wurde.

Was aber, wenn diese Verbindung von Behinderung und Müllentsorgung von den Verantwortlichen voll beabsichtigt ist? Wenn man bedenkt, dass neun von zehn aller mit Down-Syndrom diagnostizierten Embryonen abgetrieben werden, ist es doch eigentlich recht naheliegend, den Link zur Abfallbeseitigung herzustellen. Das ist noch nicht einmal doppeldeutig: Die wenigsten Eltern dürften sich die Mühe machen, einem Kind, das sie nicht haben wollten, einen Namen zu geben und eine teure Beerdigung zu veranstalten. Diese Kinder landen dann also tatsächlich in der Müllverbrennung, wenn auch nicht via Hauskehricht. Möglich, dass die Pro Infirmis diese Tatsache auf eine etwas polemische Weise anprangern möchte.

In diesem sarkastischen Kontext müsste man dann wohl auch die auf dem Plakat angebrachte Aufforderung interpretieren: "Kommen Sie näher" (Subtext: ...und werfen Sie Ihr defektes Kind gleich selber rein).

- Finden Sie das zu weit hergeholt? Wenn ja, bedenken Sie bitte, dass dieses Plakat, wenn es nicht an einem Güselwagen hängen würde, absolut keinen Sinn ergeben würde. Wir hätten dann nur noch ein lachendes Mädchen (Jö!) mit Down-Syndrom (Doppel-Jö!) und der Aufforderung, näher zu kommen (hä?).

Recycling & Inklusion


Wenn wir aber unsere Abfall-Theorie noch etwas weiterspinnen, erschliessen sich uns weitere Bedeutungsebenen dieser vielschichtigen Werbung: Im Recycling geht man davon aus, dass Abfall oft nur entsteht, weil man mit Ressourcen falsch umgeht. Diese können durch die richtige Aufbereitung aus ihrer Nutzlosigkeit befreit und wieder in den Wirtschaftskreislauf überführt werden.

Ganz ähnlich verhält es sich ja mit dem sozialen Modell von Behinderung: Auch hier geht man davon aus, dass nicht die Einschränkung eines Menschen seine Behinderung ausmacht, sondern die Ignoranz, mit der Wirtschaft und Gesellschaft auf diesen Menschen und seine Einschränkung reagieren. Wandelt sich aber diese Einstellung hin zu einem inklusiven Denken, kann die Behinderung überwunden werden. Man könnte sagen: Was Recycling für Wertstoffe bedeutet, bedeutet Inklusion für Menschen.

Bei der beruflichen Eingliederung gibt es sogar noch eine Parallele zum in letzter Zeit in Mode gekommenen "Upcycling", also einer Aufwertung des recycelten Materials: ein wiedereingegliederter IV-Rentner kann seine während der Invalidität gemachten Erfahrungen und die gewonnene Sensibilität nutzen und seinen Arbeitgeber bei der Eingliederung weiterer IV-Rentner unterstützen.

Natürlich kann es auch zu einem Downcycling kommen. Beispielsweise dann, wenn der Eingegliederte nachher Gutachten für die IV erstellt.

Fazit


Auf sarkastische, subtile und doch unmissverständliche Weise prangert die Pro Infirmis die "pränatale Wegwerfmentalität" in unserer Gesellschaft an und bewirbt zugleich das soziale Modell von Behinderung.

Diese Güselwagen-Aktion gehört somit zu den subversivsten Werbekampagnen, die die Pro Infirmis je lanciert hat...

...

...also vorausgesetzt natürlich, die Organisation hat bei der Buchung dieser Werbeflächen die selben Gedankengänge unternommen, wie ich gerade.

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Siehe auch


«Wir schaffen Behinderung ab» – Liebe Pro Infirmis, wie soll diese Werbung verstanden werden? - Artikel auf "etwasanderekritik"

Ziemlich clever: Pro Infirmis bucht Werbefläche auf Müllwagen. - Konversation auf Twitter