Montag, 9. April 2012

Gewalt

Ich war Anfang 19 und mitten in meiner Berufslehre in der Brunau-Stiftung, einer von der IV finanzierten Institution, die geschützte Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbietet. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich im Sekretariat. Unsere Abteilungsleiterin war extrem launisch. In einer Sekunde gab sie kokette Sprüche von sich, in der nächsten war sie plötzlich extrem arrogant und aggressiv. Eine Lehrtochter wurde mal von ihr verhört, weil sie fand, sie hätte sie "zu fest" angesehen.

Wir waren - wie die meiste Zeit in dieser Abteilung - mit Versandarbeit beschäftigt. Das hiess, dass wir den ganzen Tag Broschüren oder Einzahlungsscheine falteten und in Couverts verpackten. Weil diese Arbeit so monoton war und jeweils mehrere Wochen am Stück kaum etwas anderes zu tun war, durften wir uns während dem Verpacken unterhalten. Plötzlich und ohne ersichtlichen Grund wies uns die Abteilungsleiterin an, den Versand in einem lehrstehenden Büro ausserhalb des Sekretariates fortzuführen. Mich aber wollte sie im Büro behalten. Ich würde zu viel reden, weshalb sie mich im Auge behalten wolle. Kaum waren die andern weg und die Türe geschlossen, beugte sie sich über ihren Schreibtisch, sodass ihr Fallobst darüber baumelte. In einer eindeutigen Tonlage sagte sie zu mir: "Sie sind doch gerne mit mir alleine." Ich war etwas baff und antwortete: "Ähm, nein." Dieses "nein" hatte schwerwiegende Folgen für mich. In einem harschen Ton wies sie mich an, zurück an die Arbeit zu gehen.

Keine Woche später hatte ich ein Disziplinarverfahren (so jedenfalls verkaufte sie es mir) am Hals, weil ich zu viel mailen würde und die "gängigen Regeln von Kommunikation und Anstand" verletzen würde. Was sie mit dem zweiten Punkt meinte, konnte sie mir nicht erklären. Sie bedrohte mich aber mit Lehrabbruch, falls ich dieses Fehlverhalten nicht ändern würde. Sie zerrte mich dann noch zum Chefausbildner, einem schleichig-schmierigen Typen. Gemeinsam redeten sie ca. zwei Stunden auf mich ein, bis ich das Formular unterzeichnete. Von da an versuchte sie mich bei jeder Gelegenheit zu provozieren, wies mir sinnlose Aufgaben zu, oder aber sie liess mich - mit meinem kranken Herzen - schwere Kisten rumschleppen, nur um mich anschwärzen zu können, wenn ich danach seufzte oder einen Schmerzlaut von mir gab.

Ich trat kurzer Hand der Gewerkschaft Unia bei und informierte meine Abteilungsleiterin und den Chef-Ausbildner darüber. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon über zwei Jahre in diese Lehrstelle investiert und wollte mich nicht so einfach abschiessen lassen. Ausserdem ging ich zum Geschäftsführer und versuchte ihn über die Ereignisse zu orientieren. Allerdings konnte ich kaum einen vollständigen Satz formulieren, ohne von ihm unterbrochen zu werden. er zauberte ein ein Jahr altes Email aus dem Hut, in dem ich mich mit einem Mitarbeiter solidarisch gezeigt hatte, der auf unschöne Weise hinaus geekelt wurde. Er gab mir zu verstehen, dass die Sache "jetzt in Ordnung" sei. Und tatsächlich: Das unbefristete Disziplinarverfahren verlief im Sand. Warum genau, sei dahingestellt.

Vorbei war die Sache damit aber noch lange nicht. Aus irgend einem Grund entwickelte der Chef-Ausbildner, der mit der ganzen Sache ja eigentlich nur am Rande zu tun hatte, nach dieser Geschichte eine wachsende Intim-Feindschaft gegen mich. Er schnüffelte in meinem privaten Emailverkehr herum und schwärzte mich immer wieder bei der IV-Berufsberatung an, dass ich zum Beispiel nicht grüssen würde und ein Minimalist sei, obwohl ich im Betrieb als sehr hilfsbereit galt und immer wieder Sonderaufgaben übernahm. Irgendwann begann er damit, mich, wenn wir uns auf dem Gang begegneten und keine Zeugen da waren, an zu pöbeln. In Gesellschaft gab er sich mir gegenüber dafür demonstrativ freundlich. Er kam auch gerne mal zu uns ins Büro, stützte sich von hinten auf meinem Stuhl ab und schaute über meine Schultern in meinen Bildschirm. Das waren wohl die unangenehmsten Momente, wenn dieser schmierige Widerling mich von hinten anatmete.

Aber ich konnte nichts dagegen unternehmen. Betriebsintern wollte mir niemand zuhören, geschweige denn glauben, weil scheinbar niemand seine schmierige Fassade durchschauen konnte - oder wollte. Meiner IV-Berufsberaterin war das Ganze schlicht egal. Ich hatte ihr alles erzählt und sie glaubte mir auch. Aber nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es zu keinen körperlichen Übergriffen gekommen war, stellte sie sich auf den Standpunkt, dass ich als Behinderter schliesslich froh sein könne, dass mich die netten Leute von der Brunau-Stiftung ausbilden und ich mir das deswegen gefallen zu lassen habe. - Das ist nicht sarkastisch gemeint, sie sah das so. Ich hätte höchstens die Unia einschalten und vors Arbeitsgericht gehen können. Davon rieten mir allerdings verschiedene Beratungsstellen ab, weil die Beweislage bei dieser Art von Mobbing/Stalking extrem schwierig, die Prozesse langwierig, kräfteraubend und wenig erfolgversprechend seien. Das hätte keinen Sinn gemacht.

So stand ich diesen Psychoterror also geschlagene zwei Jahre lang durch und schaffte mit letzter Kraft den Lehrabschluss - mit Auszeichnung. Der Chef-Ausbildner vermochte es nicht, seinen Ärger darüber zu verbergen. Er hatte wohl damit gerechnet, dass ich irgendwann zusammenbrechen oder die Contenance verlieren würde, so wie seine bisherigen Opfer.

Warum erzähle ich Ihnen das? Zum einen weil ich schon lange das Bedürfnis zu diesem Befreiungsschlag habe, mir aber bislang die nötige Distanz zu diesen Ereignissen fehlte. Zum anderen möchte ich Ihnen etwas verständlich machen: Wenn körperliche Missbräuche an Behinderten, Kindern oder Betagten öffentlich werden, regen wir uns ausgiebig und ungehemmt darüber auf. Was ich Ihnen hier gerade beschrieben habe, ist hingegen Alltag und wird von Institutionen wie auch von Behörden toleriert, in gewisser Weise sogar gefördert. Man muss sich als Krüppel alles gefallen lassen. Solange man nicht angefasst wird, hat man keine Chance, es zu beenden.

Ist das nicht total verlogen? Und: Wenn wir dem psychischen Missbrauch gegenüber so tolerant sind, ist es dann verwunderlich, wenn die Täter irgendwann von der psychischen auf die körperliche Gewalt wechseln? Sadismus ist eine Sucht, eine krankhafte Neigung. Und wie bei jeder Sucht muss der Suchtkranke die Dosis immer weiter steigern, um den selben Kick zu erleben.

Kommentare:

  1. Alltäglicher Sadismus in "geschützten Einrichtungen" gedeiht auch deshalb so gut, weil sie so "geschützt" sind. Es stimmt, daß dies viel zu wenig thematisiert wird. Herzlichen Glückwunsch und Respekt für die Auszeichnung trotz solcher Bedingungen!! Einfach nur gut, genau wie diese Webseite!

    AntwortenLöschen
  2. @Anonym: Vielen Dank, Der Zuspruch tut gut.

    AntwortenLöschen
  3. Ich verbrachte ebenfalls drei Jahre im AZ Brunau.Die von dir geschilderten Vorgänge in dieser Institution sind auf gut Deutsch gesagt unter aller Sau und ich möchte an dieser Stelle auf keinen Fall behaupten das es solches Verhalten seitens der Ausbilder nicht der Wahrheit entsprochen hat. Ich kann nur von mir selber reden und in den drei Jahren im AZB habe ich keinerlei solches gehört oder selber erlebt. Würde mich interessieren wann du in der Brunau gewesen bist. Ich war in den Jahren 1997-2000 in der Brunau.

    AntwortenLöschen
  4. Nun Frau Rietmann, Herr Huber und Frau Federer waren die einzigen wirklich anständigen "Gruppenleiter" zu meiner Zeit. Bei den anderen Gruppenleitern und auch den GL Mitgliedern hatte man jeweils, dass ungute Gefühl, dass die Brunau eine Geschützte Werkstatt für Sie ist. Die Art und Weise der Bevormundung, wie Sie in der Brunau stattfand und womöglich noch stattfindet ist jedoch in dieser Art von Istitution nichts neues. Man musste, min ausnahme der beiden Buchhaltungsgruppen immer um erlaubnis Bitten um auf Toilette gehen zu dürfen. Gewisse Gruppenleiter hatten starke Hämmungen im negativen Sinne, im Umgang mit uns Insassen. Die Brunau bietet ausbildungspätze für Behinderte, das mag ja in manchen fällen tatsächlich nötig sein, in den meisten Fällen ist es jedoch so, dass sie indirekt die Wirtschaft und die Arbietgeber von Ihrer Verantwortung befreit Lehrlinge mit behinderung anzustellen. Schliesslich müssen Lehrlinge mit Bheinderung nicht gesondert betreut werden, die meisten in Brunau besuchen schliesslich die gewöhnliche Berufsschule. Sie sind allenfalls auf ein rollsuhlgängiges Büro angewiesen.

    AntwortenLöschen
  5. @Anonym Nr.3: Witzig, dass du die Toiletten erwähnst. Die Gruppenleiterin, die mich sexuell belästigt hat, war auch ziemlich auf das Thema Toilette fixiert. Sie fand, ich würde zu viel Zeit dort verbringen und einem anderen Lehrling hat sie mit eben dieser Begründung einmal einen Ferientag gestrichen. Ist irgendwie schon krass, wenn man auch als erwachsener Mensch noch dermassen auf "Kacka und Pippi" fixiert ist.

    AntwortenLöschen